Mind the Gap
Dekonstruktion einer säkularen Rede über Religion. Markus Chmielorz/Christoph Fleischer, Dortmund/Werl 2011
Wozu „Mind the Gap“? In den U-Bahnhöfen Londons warnt dieser Ausdruck vor der Lücke zwischen Bahnsteig und Zug. Eine dekonstruktive Lektüre würde wohl diese Warnung zum Beispiel auf den Vortrag von Martin Walser anwenden, ohne diesen jedoch daran hindern zu wollen, aus säkularer Sicht, der Perspektive des Schriftstellers, den Übergang zwischen der literarischen Gegenwart und der Religion zu versuchen. Ist nicht die Lücke gerade das, was uns daran interessiert? Oder geht es gar um den Riss in der Gegenwart, der hin und wieder von der Kunst ins Bewusstsein gerufen wird, wozu hier auch der Schriftsteller Martin Walser beiträgt. Ist diese Rede eine Wiederaufnahme der Rede von Jürgen Habermas aus dem Jahr 2007 unter der Überschrift „Ein Bewusstsein von dem, was fehlt“? Bei dem Hinweis soll es zunächst bleiben.
Die zuvor beschriebene Fragestellung des Gaps, des Übergangs, wird nicht in der Einleitung der Rede oder der Überschrift entfaltet. Wohl mögen theologisch berührte Leser beim Titel „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ an ein Modell protestantischer Religion denken. Doch dass dieses hier gemeint ist, wird nicht ausgesprochen. Vielleicht ist das auch schon eine Fragestellung, die vom Ende her zu beantworten ist: Wer hat sich zu rechtfertigen? Wer sieht sich als gerechtfertigt an? Und wann und unter welchen Umständen? Wird jemand gerechtfertigt oder rechtfertigt man sich selbst? Hat sich gar der Autor zu rechtfertigen, weil er eine Rede am 9. November hält, weil er sie in den USA -immerhin in Harvard- hält und nicht in Deutschland.
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