27th Sep2011

Illuminations

by admin

Ein paar Tage, bevor ich nach Venedig fahre, treffe ich in Berlin einen Taxifahrer, der mich durch den nächtlichen Regen bringt. Auf dem Armaturenbrett liegt ein Buch, dessen Titel in mir unbekannten Schriftzeichen geschrieben ist. Ja, er lese die Hadithe auf Arabisch, aus dem Irak komme er, sei 1979 geflohen, vor dem ersten Golfkrieg, um nicht kämpfen zu müssen als Soldat. Und ebenso wenig, wie die neue, deutsche Sprache die Sprache ist, in der er das ausdrücken will, was ihn bewegt, ist Deutschland seine Heimat geworden. Im Irak ist er groß geworden, dort hat er 35 Jahre seines Lebens verbracht, dort in Bagdad lebt noch immer der größere Teil seiner Familie, und nur einmal war er dort, ist er zurückgekehrt nach 26 Jahren, und nach drei Wochen ist er zurückgekommen nach Deutschland, so fremd war seiner Frau und den Kindern das Leben im Irak.

Offenbar: Es ist nicht ganz so leicht, eine Antwort zu finden auf die Frage, wo denn einer zu Hause sei, wo denn sich zugehörig fühlen? Und in diesem Jahr also, kommt die 54. Biennale di Venezia mit dem Titel „Illumi-nations“ daher. Erleuchtung also für Nationen oder doch durch sie oder beides? Und wen meint „nations“ eigentlich? Staaten oder Gesellschaften können Nationen bilden. Die kritische Sicht darauf zeigt uns der polnische Pavillon auf dem zentralen Ausstellungsgelände der Giardini, in dem Yael Bartana die “Jüdische Renaissance-Bewegung“ inszeniert, in der Davidstern und polnische Flagge verschmelzen.

Eine Weltausstellung der zeitgenössischen Kunst, die, vielleicht am passendsten Ort, Venezia, eurozentristisch und Brücke in die Welt zugleich, die passenden Fragen stellt und doch Antworten darauf schuldig bleibt, das Versprechen zu erhellen, für mich gar nicht erst einlösen kann. Auch, weil „Moderne“ und „zeitgenössische Kunst“ nicht unbedingt zwei Begriffe sind, die länger noch zusammenpassen wollen. Es ist nur Zufall, dass der Rundgang mit dem Pavillon der Schweiz beginnt. Und all die Alltagsgegenstände, die hier ausgestellt sind, sind meilenweit entfernt von den Aufsehen erregenden Ready mades des 20. Jahrhunderts. Die bürgerliche Gesellschaft, das Erbe des 19. Jahrhunderts brauchte noch das kritische Moment der bildenden Kunst, dieses Druckventil, um überhaupt zu Sprache bringen zu können, „es möge anders sein“. Die Kunst war der Möglichkeitsraum des Zukünftigen in der Gegenwart, das Fremde im Eigenen, das wieder hereingeholte ausgeschlossene Andere, die Negation der Negation, das Aisthetische im Rationalen, das sich gegen den zurichtenden Begriff widerspenstig zeigte. Der Beitrag des Schweizer Pavillons wiederholt die alte Frage in einem neuen Rahmen, ob eben eine andere Kunst nicht nur möglich, sondern auch zu erschaffen sei. Das Vermögen des Autors bleibt also im Focus, wenn der Künstler im Begleittext diese Frage stellt.

Wenn der Soziologe und Philosoph Dirk Baecker mit seinen Thesen zur „Nächsten Gesellschaft“ recht behält, wird der Kunst, besser: den Künsten im Plural, eine ganz andere Aufgabe zuwachsen, nämlich die der Versprachlichung des Disparaten, in einer potentiell nicht abgeschlossenen Vielfalt von Formen. Also führen die „Illumi-nations“ dann nicht zurück auf den Anspruch, Kritik zu formulieren, sondern bieten vielfältige Anschlussmöglichkeiten an, die jedoch nicht mehr zwingend auch als solche wahrgenommen werden müssen, weil der eindeutige Bezugsrahmen fehlt. Das könnte eine zeitgenössische Lösung sein: Nicht die Kunstwerke selbst strahlen mal mehr, mal weniger hell, sondern jede Betrachterin, jeder Betrachter nimmt bald dieses, bald jenes Kunstwerk mal mehr, mal weniger hell wahr; es geht nun noch mehr, das könnte als das Erbe der Postmoderne bezeichnet werden, um Rezeptionsästhetik. Wenn nicht, wie im schweizer Pavillon, doch der intellektuelle Anspruch der Erklärung und der Einsicht einen so großen Überhang hätte vor der Eigensprachlichkeit der doch vorgängigen ästhetischen Erfahrung. Den „Illuminations“ geht diese Erschütterung bis ins Mark ab. Mag sein, dass die „nächste Gesellschaft“ sich schon verabschiedet hat von all dem, was zuvor als „erhaben“ hätte beschrieben werden wollen. Beredtes Beispiel dafür sind die Inszenierungen Cindy Shermans. Ihre Fotografien, Selbstportraits, „stills“, die das Subjekt so in Frage stellten, die Identität als etwas vergeblich Festzuhaltendes, als ein Oszillieren zwischen mir und dem anderen eher als Kabinettstücke zeigten, sind 2011 großformatigen, übermenschlich großen Rauminszenierungen gewichen. Geblieben sind die Kostüme, doch die Verkleidung zeigt sich alsbald als das, was genau sie ist, bloße Verkleidung. Der Betrachter beugt sich nicht länger herab zum buchstäblich zu Grunde liegenden Subjekt, er selbst wird jener, der von oben herab mit dem Kunstwerk als einer Tapete konfrontiert wird.
Doch manchmal sind die Einsichten erschreckend, wie beim Sehen der großformatigen Fotografien von Lateefa bint Maktoum: Braucht das Erhabene etwa doch das Gefühl von Unterdrückung? Die „moderne“, zurichtende Konstruktion von männlich/weiblich, rational/emotional … ? Und wäre dann der Preis der Emanzipation eine in den Kunstwerken sich widerspiegelnde Empfindungslosigkeit?
In der Moderne war das kritische Moment das, in dem sich die ästhetische Erfahrung ans Material heftet und körperlich wird. So könnten Fotografie und Film quasi als „Übergangsmedien“ von der „modernen“ Gesellschaft der Schrift in die „nächste Gesellschaft“ der computergeleiteten Kommunikation verstanden werden. Nun kommt die Kunst der „nächsten Gesellschaft“ nicht nur immateriell, virtuell daher. In der Moderne jedoch wird das Material in der Kunst zuerst mit Sinnlichkeit und dann mit Sinn aufgeladen. In der „nächsten Gesellschaft“ wird möglicherweise dem Material Sinnlichkeit und Sinn entzogen, weil diese Kategorien obsolet werden, weil dem einen Singular nicht der andere Singular entgegengesetzt, sondern von einem unübersichtlichen, unbestimmbaren Plural abgelöst wird. Und wie verhält sich dann der Plural zu einem jeden Singular – zwischen Gleichwertigkeit und Gleichgültigkeit, zwischen „Jede_r ist herausgehoben“ und „alle sind eingeebnet“?

Nicht nur, dass die 54. Biennale di Venezia „nations“ in ihrem Titel führt, jene räumlich und sprachlich abgegrenzten, neuzeitlichen Staatsgebilde – am Ende, nach dem Rundgang, fällt auf, dass eine ganze Reihe von Werken Begriffe von Raum, Zone, Platz in ihren Bezeichnungen führt. Damit aber wäre auch jene Schwelle benannt, die die Grenze markiert zwischen Innen und Außen, zwischen Moderne und „nächster Gesellschaft“. Einstweilen jedoch scheint diese Schwelle mehr eine Leerstelle, wenn nicht sogar einen Mangel zu bezeichnen. Ob die 55. Biennale den Möglichkeitsraum der Antworten wird erweitern können, bleibt abzuwarten.

Off
06th Sep2011

Und dann war alles ganz anders…

by admin

Rezension zu: Huttel, Sabine: Slalom, Leipzig 2011

Nikos und Jonas, Richard und Stefan, sie sind die Hauptpersonen in vier von sieben kleinen Erzählungen, die Sabine Huttel in ihrem Sammelband „Slalom“ in diesem Jahr vorgelegt hat. Was wird denn aus einem, der beim Erwachsenwerden merkt, dass er anders ist als seine Freunde und dessen Sehnsucht, dessen Begehren, dessen Liebe sich in einem einzigen Satz sagen lässt: „Ich bin schwul!“?

Für Stefan ist es „Neuland“, so der Titel der letzten Erzählung, die gleich zu Beginn mit der ganzen Wucht von Ablehnung, Hass und Gewalt den gesellschaftlichen Rahmen beschreibt, der auch 2011 für viele junge schwule Männer bittere Realität ist: „Der Tag, an dem Stefan zusammengeschlagen wurde, war einer der aufregendsten und schönsten seines Lebens.“ Da hatte Stefan einen sonnigen Tag am Rhein hinter sich und sein erstes Date mit Zdenek, den er vorher nur aus dem Chat kannte, den ersten Kuss und das erste Mal Hand-in-Hand durch die Stadt gehen. Zum Abschied am Zug noch einmal ein letzter, inniger Kuss, das Versprechen des Wiedersehens und dann eben doch kein Happy End, sondern der Schlag eines fremden Mannes mit der Faust in die Magengrube, Stefan schlägt hart auf, verliert das Bewusstsein.

Im Vorübergehen nimmt Sabine Huttel mehr als das eine Thema hinein in ihre Geschichten. Ja, Stefan, der Deutsche, trifft bei seinem Coming-out auf das Verständnis seiner Mutter, das Zdeneks tschechischer Vater ihm verweigert. Ja, für Nikos, dessen Geschichte mit „Schlüsselloch“ überschrieben ist, bleibt in seiner griechischen Familie der Weg zu einem offenen und selbstbewussten Leben als schwuler Mann noch verschlossen. Ja, HIV und AIDS sind ein Thema für junge Schwule, wenn im „Rampenlicht“ die Geschichte von Tobi erzählt wird, der sich verabschiedet von seiner verstorbenen Oma.

Sabine Huttel hat für ihr Buch schwule Männer interviewt und daraus das Garn ihrer Geschichten gesponnen. Die 1951 geborene Autorin hat 28 Jahre lang an verschiedenen Schulen in Hamburg und Nordrhein-Westfalen Deutsch und Sozialwissenschaften unterrichtet, auch vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen weiß sie, wie aktuell homophobe Gewalt und vor allem die verinnerlichte Ablehnung des eigenen Schwulseins noch immer sind.

Immer dann, wenn es ihr gelingt, die Welt mit den Augen ihrer Protagonisten zu sehen, sind die Geschichten besonders dicht erzählt und emotional aufgeladen. Jonas erlebt in „Slalom“ aus der Entfernung eine kurze Begegnung zwischen einem Musiklehrer und Desiderio, auf den sich seine Sehnsucht und buchstäblich sein Verlangen richtet: „Diese Berührung hatte ihn erschüttert, als wäre er selbst, und viel heftiger von Desiderio berührt worden.“

Manchmal jedoch wäre den Protagonisten der Erzählungen und den Leser/innen mehr Glück zu wünschen beim Coming-out, dass am Ende eben nicht der Eindruck entsteht, schwule Liebe, schwules Leben sei ein schwere(re)s Schicksal. Das mutet bisweilen rückwärtsgewandt an und erinnert an die Zeit vor der Abschaffung des § 175 im Jahr 1994 und vor dem Inkrafttreten des Lebenspartnerschaftsgesetzes im Jahr 2001 und des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes im Jahr 2007, als die elterliche Reaktion auf das eigene Coming-out die gesellschaftliche Ablehnung im Mikrokosmos Familie vorwegnahm, wiederholte, fortschrieb und verstärkte. Andererseits: Heute, da jede Vorabendserie selbstverständlich sein schwules Paar zeigt, da der Regierende Bürgermeister der Bundeshauptstadt selbstverständlich sagen kann, dass es gut sei, schwul zu sein, da der Deutsche Außenminister ein schwuler Mann sein kann, brauchen wir offenbar Erzählungen, die daran erinnern, dass es nicht an jedem Ort und zu jeder Zeit so selbstverständlich ist, das eigene Schwulsein als einen positiven Teil der eigenen Person und der eigenen Lebensgeschichte zu erfahren. Wie wichtig es für schwule Männer ist, dieses Selbstbewusstsein erst zu lernen und eben nicht die Diskriminierung durch ein Verschweigen der eigenen Sehnsucht, des eigenen Begehrens, der eigenen Liebe zu wiederholen, davon sprechen diese sieben Geschichten, die vielleicht weniger für schwule Männer geschrieben sind, als für ihre heterosexuellen Eltern, Großeltern, Freundinnen, Klassenkameraden, Arbeitskolleginnen, damit diese lernen, die alltagliche Homophobie überhaupt wahrzunehmen.

Off