14th Aug2011

Liebe als bloße Einbildung

by admin

Wen wir lieben, was wir begehren und wie wir all das, wenn wir es denn gefunden haben, wieder verlieren: “Les amours imaginaires” von Xavier Dolan.

“Wie kommst Du darauf, dass ich schwul bin?” – Francis sitzt auf dem Sofa, kaut an seinen Nägeln, wie so oft, wenn er nervös ist, verzieht das Gesicht, wie so oft, wenn sein Gefühl wortlos bleibt. Neben ihm sitzt Nico. Jetzt also, endlich, fast am Ende des Films, versucht Francis das in sein Leben zurückholen, wovon die Geschichte dieses Films erzählt: die Vorstellung davon, dass diese Liebe zu Nicolas für ihn lebendig ist. Nicolas ist nicht schwul, und er teilt Francis’ Liebe, Francis’ Begehren nicht.

Marie tippt einen altmodisch wirkenden Liebesbrief auf einer altmodischen Schreibmaschine. Sie schickt Nico ein Gedicht, ein Liebesgedicht, für das sie sich die Worte einer Anderen leiht. Viel später trifft sie Nico noch einmal auf der Straße, eine arrangierte zufällige Begegnung, erzählt eine wirre Geschichte über zwei verwechselte Briefe, auch nur zufällig sei der Brief mit dem Gedicht bei Nico gelandet. “Ich habe etwas auf dem Herd stehen”, ist die Antwort, die er für Marie hat. Und wenn der Brief nun doch eben nicht zufällig seinen Weg zu Nico gefunden hätte? “Dann hätte ich immer noch etwas auf dem Herd stehen.”

Marie lädt Francis zum Tee ein, beide sitzen nebeneinander trinken aus Tassen mit unterschiedlichen Mustern, die gut in den Geschirrschrank meiner Großmutter gepasst hätten und sitzen auf Sesseln, die gut in die Wohnung der Großmutter meiner Großmutter gepasst hätten. Sie versichern sich, Nico nicht wiedergetroffen zu haben, den beide so begehrt haben, den beide imaginiert haben, mal als Michelangelos David (sie), mal als zarte Zeichnung aus der Feder Jean Cocteaus (er).

“Bang Bang (My Baby shot me down)”, dieser Chanson, gesungen von Dalida, trägt den Soundtrack des Films. Marie und Francis, in slow motion, in amerikanischer Einstellung, von hinten gefilmt, die Kamera dicht auf dem Körper der Protagonisten, auf dem Weg zum unerreichten Objekt ihres Begehrens, die besten Freunde als Konkurrenten. Die drei teilen ein Bett, und alles, was der Regisseur sich selbst als Hauptdarsteller an Berührung zugesteht, ist das Gefühl des fremden Beins auf dem das eigene am Morgen liegt – eine traumlose Nacht, in der diesseits des Schlafs nichts passierte, das am Morgen zu erinnern wäre.

Einmal scheint die Möglichkeit auf, dass die Einbildung der Liebe auch lebendig werden könnte. Marie, Francis und Nico fahren aufs Land, raus aus der Stadt, an den See, ins Ferienhaus von Nicos Tante. Nach dieser einen Nacht dort wacht Marie alleine im Bett auf, findet Francis, den Freund und Nico, auf den ihre Begierde sich richtet, nicht im Haus und sieht beide von fern am Ufer des Sees herumalbern. Doch auch wenn Nicos Mund nur Zentimeter von dem Francis’ entfernt ist, als beide auf dem Waldboden toben wie zwei zu groß gewordene Kinder – alles, was passieren könnte, ist nur ein Ergebnis der Kraft der Einbildung. Jeder Blick, jede Berührung haben für Marie und Francis immer einen Überschuss an aufgeladener Bedeutung, der ihrem jeweils eigenen Begehren, ihrer jeweils eigenen Sehnsucht folgt.

Zwischen diese Ménage à trois schneidet Dolan Sequenzen, Testimonials, in denen Männer und Frauen davon erzählen, wie sie sich verliebt haben, worauf sie in ihren Beziehungen gehofft haben, wie sich die Liebe nicht erfüllt hat, wie sie die Schmerzen einer Trennung überwunden haben. Dafür wählt einer eine doch eigentümliche Kameraführung. Die Kamera selbst bleibt statisch, das Objektiv zoomt abrupt heran und wieder zurück, wo der Zuschauer an Stelle des Spiels mit Nähe und Distanz eher eines mit Schärfe und Unschärfe erwartet hättet. Dennoch hat das wohl eine innere Logik, denn das Thema des Films ist Nähe und Distanz in Beziehungen, vor allem aber das Verfehlen der imaginierten Nähe. Zwischen diese Ménage à trois schneidet Dolan monochrome Sequenzen, in denen Marie und Francis Sex haben mit anderen Männern. Merkwürdig unfreiwillig komische Dialoge wechseln sich ab mit Sequenzen, in denen die Kamera förmlich dicht auf den Körpern der Darsteller klebt und sie auflöst in die Einzelteile ihrer erogenen Oberfläche – Maries Sex in rot und grün, Francis’ in gelb und blau. Dolan bricht die Erzählung der Geschichte seiner Darsteller, wobei unklar bleibt, ob er diese Brüche mit Bedeutung aufladen will oder ob sie nur formal das Andere als Außen zum Inneren der Erzählung markieren.

Insgesamt kommt der Film bezogen auf Film selbstreflexiv daher: Wir sehen das weiße Kaninchen aus “Alice in Wonderland”, wir hören Francis beim schließlichen Wiedersehen mit Nico schreien, als wärs eine Einstellung aus “Invasion of the Body Snatchers”. Ganz zum Schluss dann schließt Dolan den Kreis, er inszeniert das Thema mit Reprise: Auf einer Party sehen Francis und Marie abermals einen jungen Mann, der lasziv den Rauch der Zigarette durch seine Lippen bläst, er schaut beide an, zwinkert ihnen zu – der fremde Gast wird gespielt von Louis Garrel. Wir erinnern uns an Christophe Honorés “Les Chanson d’amour”, jene Dreiecksgeschichte, die er 2007 in Paris inszeniert hat. Und ist es nicht so, dass Niels Schneider daherkommt wie ein zehn Jahre jüngerer Louis Garrel. Ein schwuler Regisseur verbeugt sich vor dem großen schwulen Vorbild vom alten europäischen Kontinent.

Xavier Dolan, 1989 in Quebec geboren, hat also mit 21 Jahren nach “J’ai tue ma mere” seinen zweiten Langfilm vorgelegt und damit im letzten Jahr in Cannes den “Prix Regards Jeunes” gewonnen. Es ist ein durchaus moderner Film, der bei allem Spiel mit den Geschlechtern, bei allem, was vielleicht heute als sexuelle und geschlechtliche Uneindeutigkeit, als queer daherkommt, am Ende doch auf etwas anderes setzt, auf eine schwule Identität eben, in der ein Mann einen anderen Mann als Objekt der Begierde wählt. Dieses Nebeneinander von Bestehen auf Identität und deren Auf- oder Ablösung hat der Philosoph Dirk Baecker als ein Merkmal der “nächsten Gesellschaft” beschrieben. Der Vielfalt der imaginierten Möglichkeiten von Liebe zwischen Francis und Nicolas und Marie setzt Dolan die Eindeutigkeit der Unmöglichkeit der einen Liebe entgegen.

Les amours imaginaires, R: Xavier Dolan, D: Monia Chokri, Niels Schneider, Xavier Dolan, 95 Min., CAN 2010

ARTE über “Les amours imaginaires” vom 16.05.2010

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