Europride Roma 2011
Der Tagesschau war es gerade mal einen anderthalb minütigen Bericht in ihrer Nachtsendung am Pfingstsonntag wert: “Schwule, Lesben, Transsexuelle protestieren für mehr Rechte.” In diesem Jahr fand in Rom, am Pfingstsamstag der Europride statt. An einem sonnigen Nachmittag nahmen nach Angaben der Veranstalter 1,3 Millionen Menschen an der Parade teil oder begleiteten diese auf ihrem Weg die Via Cavour entlang von der Stazione Termini zum Circo Massimo
Mehr Bürgerinnen- und Bürgerrechte für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender, daran erinnerte ein Plakat, das die Engagierten der ILGA, der International Lesbian and Gay Association trugen. Sie hatten unter dem Titel “Rainbow Europe 2011″ eine Skala entwickelt, die den Grad von Gleichberechtigung und Akzeptanz in Europa anzeigt. Italia? Zero!, lautet die Antwort und damit liegt das Land nur zwei Punkte vor der GUS und vier vor dem dunkelsten Fleck auf der europäischen Landkarte, der Ukraine. Schweden ist mit zwölf Punkten das europäische Vorbild, Deutschland erreicht zehn, wie die Nachbarländer Belgien und die Niederlande.
Ausgerechnet also das katholische Italien und die Hauptstadt Rom, in der in der Città del Vaticano an diesem Wochenende das Pfingstfest gefeiert wurde. Ausgerechnet, das heißt: mit gutem Recht. Nach der polnischen Hauptstadt Warszawa im letzten Jahr hatte die EPOA, der europäische Verband der Organisatoren der sogenannten “Pride”-Veranstalter mit Rom die richtige Entscheidung getroffen. Sind es doch in der Hauptsache die Religionen, die in einem Atemzug mit Homo- und Transphobie zu nennen sind, wie jüngst eine europäische Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung ergab.
Auch die kritischen Stimmen waren vertreten, diejenigen, die fragten: Was habt Ihr denn schon getan, worauf Ihr stolz sein könnt? Und sie spielten an auf den Normalitätsdiskurs, den auch Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender führen: Was macht es heute, 2011, für Lesben und Schwule beispielsweise so verlockend, die Öffnung der Ehe zu fordern? Was ist aus dem kritischen Potenzial geworden, das noch vor gut 40 Jahren, als es in New York zu den ersten wütenden Demonstrationen von Transsexuellen und schwulen Männern in der Christopher Street kam, alles infrage stellte, was da heteronormativ, patriarchal und als Geschlechterpolarität daherkam?
Die Stimmung war friedlich und bunt und laut und fordernd. Und gleich hinter der europäischen Vereinigung der lesbischen und schwulen Christen demonstrierten, in Rom genau am richtigen Ort, die Atheisten und Laizisten gegen den Papst als Oberhaupt der katholischen Kirche. Die Parade des Europride 2011 hat Vielfalt gezeigt und wie es möglich ist, diese nebeneinander und anerkennend zu leben, mit allen unterschiedlichen Lebensentwürfen, Identitäten und Inszenierungen – und mit der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen all dessen, was es heute bedeuten kann, lesbisch, schwul, bisexuell, transgender oder queer zu sein. Europa hat dafür genau so lange gebraucht: 222 Jahre seit der Französischen Revolution, 143 Jahre seit der “Erfindung” der Homosexualität als Begriff, 34 Jahre, seitdem das BGB in Deutschland regelt, dass beide (!) Ehegatten berechtigt sind, erwerbstätig zu sein und 19 Jahre, seitdem Homosexualität nicht mehr als psychische Erkrankung im International Codex of Desease geführt wird.
Im nächsten Jahr wird der Europride gemeinsam mit dem Worldpride in London, der Stadt der Olympischen Spiele gefeiert. Ein Blick auf die Homepage der ILGA lohnt: Wir sehen, wie das politische Engagement, die Bürgerinnen- und Bürgerrechtsbewegung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans- und Intersexuellen beharrlich zum Abbau von Diskriminierung und Verfolgung geführt hat – in Nord- und Ostafrika, in Vorder- und Südostasien warten Menschen noch immer darauf, auf Grund ihrer sexuellen und geschlechtlichen Orientierung nicht verfolgt zu werden und ohne Gefahr für Leib und Leben zu lieben.