Rezension zu: Vollath, Rainer: Zwei Lieben. Berlin 2010
Rainer Vollath hat einen zeitgeschichtlichen Roman vorgelegt. Er erzählt die Lebensgeschichte von Fritz Weiss, der als 28jähriger im Berliner Tiergarten von der Gestapo verhaftet wird und daraufhin sieben Jahren in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Flossenbürg inhaftiert bleibt. Der Roman erzählt nicht nur die Geschichte der Homosexuellenverfolgung in Deutschland während der nationalsozialistischen Diktatur. Er erzählt eben “Zwei Lieben” und auch von der Kriminalisierung und Verfolgung von schwulen Männern in der jungen Bundesrepublik bis hin zur Schwulenbewegung der 1970er Jahre. Sie ging einher mit der Strafrechtsreform, die erst 1969 -24 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges und der Terrorherrschaft unter dem Hakenkreuz- den berüchtigten Paragraphen 175 wieder entschärfte. Die vom nationalsozialistischen Regime verschärfte Fassung, die männliche Homosexualität unter Strafe stellte, galt eben auch in der jungen Bundesrepublik unverändert weiter, wollte man darin doch kein spezifisch nationalsozialistisches Unrecht erkennen. Und die Geschichte dieses Paragraphen endete erst 1994 nach dem Beitritt der Länder der ehemaligen DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes, nach der Wiedervereinigung Deutschlands. Erst seit 1994 werden homosexuelle und heterosexuelle Paare in Bezug auf die sogenannte Schutzaltersgrenze vor dem Gesetz gleich behandelt.
“Wünscht mir nicht Glück / zu diesem Glück / dass ich lebe…” – Erich Fried ist der Gewährsmann für Rainer Vollaths Roman, dem er das Gedicht “Der Überlebende nach Auschwitz” voranstellt. Wie überhaupt jedem einzelnen Kapitel Zitate vorangestellt sind. Große Namen, wie Dante Alighieri, Tania Blixen, Thomas Mann, Theodor W. Adorno oder die explizit schwulen Autoren wie Christopher Isherwood, Hubert Fichte, Napoleon Seyfahrt, die vielleicht für ein Erstlingswerk bisweilen als zu groß wirken mögen. Unschwer sind jedoch darin die literarischen Vorbilder des Autors zu erkennen – gerade jene schwulen Schriftsteller, deren Romane die Lebens- und Bildungsgeschichte derjenigen prägen, die sehnsuchtsvoll nach Belegen für ihre andere, fremde, schwule Liebe suchten. Dann dürfen auch Zitate aus den Liedern der Knef nicht fehlen, weil uns der Roman insgesamt einen Eindruck davon vermittelt, wie die “bleierne Zeit” der 1950er Jahre erlebt wurde, wie Margarethe von Trotta diese Jahre in einem Interview mit dem Berliner “Tagesspiegel” nannte, die dann später ihrem Film über die RAF und die Ensslin-Schwestern den Titel gab. Das ist nur insofern eine andere Geschichte, als dass “Zwei Lieben” auch von Entnazifizierung und Wiedergutmachung spricht, vom dem, woran die junge Bundesrepublik stillschweigend anknüpfte und so das schreckliche Erbe des Nationalsozialismus bewahrte. Dem Protagonisten gelingt am Ende des Romans, was vielen schwulen KZ-Opfern bis heute verwehrt blieb: eine Wiedergutmachung des erlittenen Unrechts.
Zwischen den Zeilen beschreibt der Autor die Verhältnisse nach dem Krieg: “Will erledigte die Einkäufe für Fritz und Frau Küstenfeld. Wenn er zurückkam, blieb er immer eine Weile. Meist kochte Fritz dann für sie einen Eintopf, machte Würstchen mit Kartoffelsalat oder einem Toast Hawai.” Diese Beschreibung, die wie auch sonst auf weiten Strecken des Buches äußerlich bleibt, beschreibt das kleine Glück einer späten Liebe des Protagonisten und seines Freundes Will. Und in diesem kleinen Glück scheint die weite Welt auf als ein Versprechen. Dieses Versprechen ist denen, die den Krieg erlebt haben und den Kriegskindern, zu denen die Generation der Eltern des Autors auch noch gehören mag, eingeschrieben bis in die kleinste Faser des Körpers, weil die traumatischen Erlebnisse des Krieges und des Terrors unter der Oberfläche bleiben mussten.
Der Klappentext nennt die Sprache des Autors klar und nüchtern: “Otto sahen sie nie wieder, und sie trauten sich nicht, zu ihm zu gehen. Als ob sie eine Vorahnung gehabt hätten. Erst als Fritz Monate später auf Ottos Mutter in dem kleinen Lebensmittelgeschäft in der Motzstraße stieß, erfuhr er, dass man ihn deportiert hatte.” Auch hier liegt die ganze Wucht des Erlebten zwischen den Zeilen. Es kommt auf den Leser an und darauf, wie “deportiert” in dessen Ohren klingt. Das allerdings erfordert ein hohes Maß an Empathie, sich einzulassen auf die Geschichte der Verfolgung von schwulen Männern.
Bisweilen wirkt der Roman so, als wolle der Autor doch lieber ein Sachbuch schreiben über Verfolgung und am Ende Emanzipation durch das Engagement in der Schwulenbewegung. Rainer Vollath bringt viele Fakten und viel Hintergrundwissen unter, das auch deshalb verloren zu gehen droht, weil es heute, 2011, in Deutschland wohl nur noch einen überlebenden schwulen Mann gibt, der erzählen könnte. Die Absicht, Zeitgeschichte im Roman zu vermitteln ist gut begründet. Der Autor ermöglicht es schwulen Männern, die eigene Geschichte zu schreiben und Lebenserfahrung von einer schwulen Generation zur nächsten weiterzugeben. Das fehlt bisher und ist neu, weil “Zwei Lieben” damals und heute zu verbinden hilft: Erinnerung als Geschichte von unten. Bisweilen kommt dadurch jedoch die eigentümliche Erfahrung zu kurz, die nur die Sprache des Romans ermöglicht – jener Moment des Empfindens, der uns unseres Alltags enthebt.
In einem Interview mit dem Berliner Magazin “Siegessäule” hat Rainer Vollath über sein Buch Auskunft gegeben: “‘Zwei Lieben’ habe ich wider das Vergessen geschrieben.” Und in der Tat ist dem Autor auch dadurch, dass er die Geschichte der Verfolgung im Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik bis 1969 kapitelweise miteinander verschränkt, ein Roman gelungen, der ebenso Selbstvergewisserung innerhalb der schwulen Community sein kann, wie Medium im Unterricht, um Schülerinnen und Schülern ganz unabhängig von der eigenen sexuellen Identität einen Zugang zur Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und der Geschichte der Verfolgung von Minderheiten zu ermöglichen.
Vollath, Rainer: Zwei Lieben. Berlin 2010
“Zwei Lieben” – Gegen das schwule Vergessen. Interview mit Rainer Vollath. Siegessäule online vom 01.06.2010