Shahada ist das islamische Bekenntnis des Glaubens …
… das Bekenntnis zur Logik eines Weltbildes, dass geprägt ist durch den Glauben an den einen Gott Allah und an seine Offenbarung durch den Propheten Mohammed.
Shahada ist auch ein Film von Burhan Qurbani, der 2010 mit dem Preis der Gilde Deutscher Filmkunsttheater der 60. Berlinale ausgezeichnet wurde. Der Regisseur inszeniert in ihm das Zusammentreffen zweier Weltbilder, des Weltbildes unserer Alltagssprache auf der einen Seite, die geprägt ist von Moderne und Säkularisierung und des Weltbildes der religiösen Sprache des Islam auf der anderen Seite, die in der Moderne Erfahrungen des Andersseins und der Differenz erlaubt.
Der Vorspann des Films lässt allerlei Assoziationen zu, von Schrift und Schreiben, von Landschaft und Stadt; er nimmt die aufgeladene Symbolik des Films vorweg und gibt dem Zuschauer uneindeutige Zeichen, deren Deutung davon abhängt, welchem Weltbild zu folgen wir uns entschieden haben, welche Sprache diejenige ist, in der wir existenzielle Erfahrungen mitteilen können.
Die Kapitel des Films folgen den fünf Säulen des Islam: Zuerst “Al Hadj – Der Beginn der Reise”, anknüpfend also an die Pilgerfahrt . Doch zunächst fällt auf, dass halb nahe Einstellungen und eine zurückgenommene Farbigkeit den Film dominieren, dessen Figuren über weite Strecken drinnen agieren, in ein eigentümliches Dunkel getaucht.
Qurbani inszeniert erweiterte Paarkonstellationen: Da sind Maryam, Tochter ihres allein erziehenden Vaters, des Imamas Vedat und ihre Freundin Renan, da ist Samir, der zusammen mit seinem Freund Daniel in einem Großmarkt arbeitet und seine Mutter Amira und schließlich der mit Sarah verheiratete Kriminalpolizist Ismail und Leyla, deren Sohn er in einem früheren Einsatz tötete, die er nun bei einer Kontrolle der Aufenthaltsgenehmigung wiedertrifft. Den drei Hauptpersonen, Maryam, Samir und Ismail sind die drei Themen Abtreibung, Homosexualität und Ehebruch auf den Leib geschrieben. Es sind gleichsam die “Körper-Topoi”, in denen sich die modernen Themen von Autonomie, Emanzipation, Verantwortung und Mündigkeit kristallisieren.
“Al Zalat – Die Hingabe”, die das tägliche Gebet meint, ist die Überschrift des zweiten Kapitels. Darin gibt es einen Dialog zwischen Samir und Daniel: “Was heißt rein?” – “Dass Du gerecht bist, dass Du nach Nächstenliebe handelst, dass Du ehrlich bist…” Daniel, der nicht Muslim ist, der Samir liebt, ist mitgegangen in die Gemeinde, er tritt aus Liebe zu Samir in den Kreis der gläubigen Männer. Er ist sich seiner Hingabe an Samir sicher, er weiß es in- und auswendig, by heart und trifft auf Samirs Zögern. Für dessen Weltbild, für das Weltbild seiner Mutter ist diese Hingabe vor-moralisch und un-vernünftig zugleich, weil diese Hingabe eines Mannes an einen Mann ebenfalls eine eigene Sprache spricht, die scheinbar keine Anschlussmöglichkeiten, keine geteilte Erfahrung mit der Religion erlaubt.
Das dritte Kapitel des Films also bezieht sich auf “Al Sakkat – Das Opfer”, das eine Sozialabgabe meint, zugleich aber sowohl hinweist auf Reinigung, als auch auf Wachstum. Nun kommen also die differenzierten Bedeutungen ins Spiel: jemanden opfern, etwas opfern, sich opfern – um jemandes, etwas oder sich selbst willen. Das Opfer schafft eine Leerstelle, die zugleich Möglichkeitsraum wird.
“Ich war der Typ mit der Waffe.” – “Ja, es war ein Unfall.” – “Ich habe ihr Kind getötet.” In diesem Dialog zwischen Ismail und seiner Frau Sarah, deren Namen von den Erzählungen der großen monotheistischen Religionen sprechen, wird sehr schön deutlich, worum es diesem Film geht, der darin einer griechischen Tragödie nicht unähnlich ist: Es geht um Schicksal und Schuld, um Erlösung aus Verstrickung. Der Film stellt die Frage nach einer Ethik, nach dem, was denn zu tun sei. Was wird aus einer, die beim Erwachsenwerden merkt, dass sie viel zu früh schwanger wurde? Was wird aus einer, deren beste Freundin sie darum fragt abzutreiben? Was wird aus einem, der beim Erwachsenwerden merkt, dass er mit jeder Faser seines Körpers die andere Liebe, das andere Begehren in sich trägt? Was wird aus einem, der daran trägt, ein Kind getötet zu haben?
Qurbani bietet eine Lösung an, die einen Anschluss herstellen könnte zwischen der Religion des Islam und der Alltagserfahrung außerhalb der Religion. Der Fokus verschiebt sich auf die Gemeinde, darauf ein Mitglied sein, einen Platz zu haben, sich dazu zusetzen. Damit aber ist jedwede Grenze markiert, zwischen dem Innen und seinem Außen, zwischen dem Zentrum und seiner Peripherie, zwischen der Religion und ihrer Moderne, zwischen traditionellen und funktional-ausdifferenzierten Gesellschaften. Der eigene Standpunkt bestimmt, wessen Innen zu wessen Außen wird.
Und noch etwas lässt Qurbani in diesem Kapitel passieren, es ist der Kuss zwischen Samir und Daniel, dieser Kuss, der eine Grenzüberschreitung markiert, der die Unschuld opfert und der in eine neue Welt mit eigenen Erfahrungen und einem eigenen Wissen führt. Überhaupt bringt der Film die der religiösen Norm jeweils andere Liebe zur Sprache. Er setzt sich über jedes Liebesverbot hinweg, das auf die Liebe zweier Männer ebenso zielt, wie auf die Liebe eines noch nicht verheirateten Paares oder auf die Liebe eines verheirateten Mannes zu einer anderen Frau.
Das aufgeben, von dem ich dachte, es sei “ich selbst”…, davon spricht das vorletzte Kapitel, dem “Al Saum – Die Selbstaufgabe”, das Fasten die Überschrift gab. Maryam prägt dieses Kapitel, indem sie Sätze sagt wie: “Es ist Ramadan.” Oder: “Es hat seine Richtigkeit.” Für sie trennt “der Hunger (…) die Träume von der Wirklichkeit.” Auch Samirs Mutter bekräftigt das Dogma. Schwul zu sein, ist haram, also ein Verbot des islamischen Rechts. In Samir spitzt sich die Frage zu, was zu tun ist: “In meinem Glauben darf man das nicht.” Nicht nur in seinem Glauben darf ein Mann einen Mann nicht, eine Frau eine Frau nicht lieben; denn dem haram des Islam setzt die römisch-katholische Kirche ihren eigenen Sündenbegriff entgegen.
Es ist ausgerechnet Vedat, der Imam, der eine Verschiebung der Grenze andeutet: “Auch wenn viele das nicht verstehen, der Koran ist ein Buch über die Liebe. Meinst Du die Liebe oder reden wir über das Begehren?” Und: “In Allahs Augen sind alle Arten der Liebe gut, das macht ihm erhaben über die Menschen, die das noch nicht begriffen haben.”
Damit gibt er ein eigenes Glaubensbekenntnis ab, das schließlich zum letzten Kapitel, “Al Shahada – die Entscheidung für einen Weg”, eben zum Glaubensbekenntnis führt. Es sind die moralischen Fragen, um die es geht, und wir könnten unschwer “Muslim” durch “Mensch” austauschen: “Was heißt Islam? Was heißt, ein guter Muslim zu sein? Ich denke daran, was es heißt gut zu sein, in dieser großen Gemeinschaft (…) Ein guter Vater sein (…) Ein Beistand sein.” Vedat nimmt das Bild des guten Vaters auf, das das kritische Moment ebenso in sich trägt, wie das affirmative, indem es eine Kultur des Patriarchats festschreibt und fortsetzt.
Drei von allen möglichen Wegen zeigt der Regisseur am Ende: Samirs Weg führt erst in homophobe Gewalt gegen Daniel, der vor einem Zeugen dessen Glaubensbekenntnis erzwingen will, sich dann aber von Daniel vor diesem Zeugen berühren lässt. In diesem Moment ist die sinnliche Erfahrung um so vieles stärker, als das Wort. In der letzten Einstellung, die die beiden zeigt, gehen sie nebeneinander her: Samir bleibt stehen, Daniel geht fünf, sechs Schritte weiter, die Kamera umkreist Samir, und er bleibt bei sich. Ismails Weg führt am Ende zurück zu seinem Sohn, den er mit seiner Mutter um die Beziehung zu Leyla willen zurückgelassen hatte. Und Maryams Weg führt zunächst in einen religiösen Fundamentalismus hinein. Die Komplikationen der illegalen Abtreibung bringen sie in ein Krankenhaus. In der Nacht geht sie weg von dort, auf eine Brücke über die Spree. Ihr Blick geht auf das Wasser, und dann geht sie selbst über die Brücke, von links nach rechts hinaus aus dem Kader der Kamera. Es ist die moderne Leserichtung des Fortschritts der westlichen Kultur, dem sie folgt.
Das Ende lässt den Schluss zu, dass Qurbani “die Entscheidung” für einen Weg weniger inhaltlich, denn formal verstanden lassen will. Es geht weniger um die Entscheidung für den einen, religiös richtigen Weg, als um die Entscheidung selbst. Damit lässt er offen, ob diese Interpretation kompatibel ist mit der Glaubensauffassung des Islam. Zum Ende des Films hin lässt er eine Stimme aus dem Off Khalil Gibrans Gedicht mit dem Beginn “Eure Kinder sind nicht Eure Kinder…” zitieren. Es ist eine Stimme, die arabische Verse eines Dichters aus maronitisch-christlicher Familie wiedergibt – islamisches und christliches Denken werden zueinander geführt.
Die Diskussion in der katholischen Kirche zeigt, wie hart um das Verhältnis von Religion und Moderne gerungen wird. Eine aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt die Ambivalenz der Religionen, und im Hinblick auf die Ablehnung von Homosexualität zeigt sie ebenso eindeutig: Je religiöser die Befragten aus acht europäischen Ländern sind, desto eher verweigern sie Lesben und Schwulen die gleichen Rechte.
Eine der Kritiken an “Shahada” von Seiten der Muslime in Deutschland stößt sich an der Person des Regisseurs, der nicht nach den Regeln des islamischen Rechts lebt ebenso, wie an der unterstellten Verächtlichmachung der eigenen Religion – vor allem dort, wo im Namen der Religion Gewalt gegen Homosexuelle ausgeübt wird. Warum, fragt diese Kiritk, bekommt ein Film, der die Ablehnung Homosexueller im Islam zum Thema macht, so viel Aufmerksamkeit? Man müsse sich bloß den gleichen Film vorstellen, vor 30 Jahren, im katholischen Milieu angesiedelt. Zugleich bestärkt dieselbe Kritik auch die Person des guten, väterlichen Imams.
“Shahada“ ist ein Plädoyer für das Erzählen von Geschichten und vor allem dafür, Gehör zu finden – die Antwort des Films auf die Frage, was denn zu tun sei. Damit könnte er einem Anspruch von Verständigung folgen, der einlädt, von sich selbst zwar abzusehen, jedoch nicht um den Preis einer Aufgabe von Religionskritik, die die Frage von Gewalt und Zurichtung des Körpers in den Blick nimmt.