Anders anders sein wollen
Wiedergesehen, neu gesehen – Der Mann, der Yngve liebte (Mannen som elsket Yngve), NOR, 2008, 97 Min., R: Stian Kristiansen
Zu Beginn eine hügelige, grasbedeckte Landschaft, zwischen Winter und Frühling, irgendwo in Norwegen. Was mache ich hier?, fragt der Protagonist des Films, der 17jährige, rothaarige Jarle Klepp (Rolf Kristian Larsen) sich selbst und uns. Wandertag, Projektunterricht, Schulausflug und eine Langeweile, die so bohrend ist und öde, wie die Landschaft drumherum. Es ist ein Kunstgriff des Regisseurs Stian Kristiansen, dass er seine Hauptfigur direkt in die Kamera und zu uns sprechen lässt. Er spannt so den Bogen aus dem Jahr 2008 19 Jahre zurück in das Jahr 1989, zurück in eine Jugend ohne den technischen Fortschritt von Internet und Mobilfunk und zeigt seine “kleine” Geschichte um die “Matthias-Rust-Band”, in der Jarle als Leadsänger und Gitarrist Punk-Rock spielt als Teil von “großer” Weltgeschichte. Immer wieder begleiten die Bilder des Falls der Berliner Mauer und des Endes des Kalten Krieges den Film. Jarle wird zusammen mit seinem besten Freund Helge (Arthur Berning) den Unterricht schwänzen, sie werden in einem Probenkeller in Stavanger ihren Song “Pussy Satan Anarchie Commando” auch für Catherine (Ida Elise Broch) spielen, die kritische Zuhörerin, die den Weg der Band zum ersten eigenen Auftritt begleiten und sich dann in Jarle und Jarle in sie verlieben wird.
Das könnte also eine ganz gewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte sein: Eine Jugend am Rande der Stadt, Punk-Rock zugleich als Flucht und Chance, anders sein zu können, die erste Liebe, das neue Gefühl für den eigenen Körper und seine Sensationen, der Mythos von “Sex, Drugs and Rock ‘n’ Roll” in Szene gesetzt. Die aggressive Energie des Erwachsenwerdens, die Wut über die gescheiterte Ehe der Eltern, über die Arbeitslosigkeit der Mutter, über den eigenen Vater, der als Looser daherkommt, diese aggressive Energie des “ich nehme mir, was ich zum Leben brauche”, fließt in die Musik – Jugend als Punk, als Subkultur.
Das alles wäre 1989 nichts Neues. In diesem Film bringt der Zufall das Neue in die Geschichte und den Neuen, Yngve (Ole Kristoffer Erdvåg) in Jarles Klasse. Es gibt da eine Einstellung unter der Dusche, ein Wettbewerb pubertierender Jungen, wer länger die Luft anhalten kann. In dieser kurzen Sequenz gibt es aber auch: Das Licht, das die Kamera einfängt, wenn sie Jarles Blick auf den Körper des anderen einnimmt, es gibt die Berührungen, wenn Jarle sich festhält am anderen. Wir lernen zusammen mit Jarle das fremde Begehren: Die Nähe des anderen suchen, Zeit mit ihm verbringen wollen, seine Musik hören, die dem Punk das andere ist, ausgerechnet Synthiepop, mit ihm zusammen Tennis spielen, ausgerechnet. Und zu Beginn ist ja Catherine noch dabei, mit der Jarle Sex hat, für die er beginnt ein eigenes Lied zu schreiben, ein Liebeslied, gar nicht aggressiv, voller Zärtlichkeit, er singt, voller Symbolik, von Mauern, die nun eingestürzt seien, seit es sie in seinem Leben gibt. Catherine ist es, in deren Blick Yngve zuerst als ein griechischer Gott erscheint. Doch für Yngve wird Jarle sein Lied zu Ende schreiben, für ihn nimmt er es auf. Es kommt immer alles raus. Nach dem ersten, aber misslungenen Gig der Band, zu viel Joints im Spiel für ernsthaften Punk-Rock und Weltschmerz, auf einer Party legt Yngve die Kassette in den Rekorder, die Kassette mit Jarles Lied, das doch eigentlich einmal, davor, für Catherine gedacht war. Ihre Wut lenkt Jarle um, er stößt Yngve, schlägt ihn und flüstert ihm dabei sein “ich liebe dich” ins Ohr. So sieht ein, sein Coming-out also aus, ein aggressiver Ausbruch. Wir zerstören, was wir lieben. Und ja, 1989 endet der eine von beiden, Yngve, nach einem Selbstmordversuch in der Psychiatrie, weit draußen vor den Toren der Stadt. Erst zehn Jahre später, 1999, wird die erste deutsche Studie über lesbische, schwule und bisexuelle Jugendliche bestätigen: Sie sind viermal so häufig selbstmordgefährdet, wie ihre heterosexuellen Freundinnen und Freunde. Wozu aber ist es gut, 2008 noch einmal eine Geschichte zu erzählen, in der die beiden Liebenden sich nicht finden? Stian Kristiansen war 1989 selbst so alt, wie die Hauptperson in seinem Film. Er erzählt also 2008, als 36jähriger eine Geschichte, die die Geschichte seines eigenen Erwachsenwerdens hätte sein können. Nach dem britischen “Beautiful Thing” aus dem Jahr 1996, einem der wenigen Filme, in dem die beiden Liebenden sich finden, dem deutschen “Sommersturm” aus dem Jahr 2004 und den vielen französischen Filmen vom schwulen Erwachsenwerden, in denen das Tragische, das Verlieren, das Scheitern aneinander einen Subtext von jungem schwulen Leben vermitteln, der von der ganzen Ablehnung des eigenen, fremden, homosexuellen Begehrens spricht, bleibt der Wunsch, es möge anders sein, dass Versöhnung möglich sei ohne Trauerarbeit.
“Mannen som elsket Yngve” ist ein rückwärtsgewandter Film, ein Film für die heute um die 40jährigen, die damals ihr Coming-out hatten, ein Film, der erinnern hilft (“ja, genau so!), der hilft, sich selbst zu vergewissern, eine fragile Antwort zu finden auf die Frage, wer ich denn (geworden) bin? Ein melancholischer Film, an dessen Ende Erwachsenwerden ein einziger großer Abschied ist, von den Freunden, von der ersten Liebe, vom begehrten Freund, vom Punk. Der Film spricht nicht davon, wohin die Reise denn gehen mag.
Allerdings: In Norwegen war er ein voller Erfolg und im Jahr 2008 der dritt erfolgreichste Film. Hierzulande erhielt er ein Jahr später den Preis der Nordischen Filmtage in Lübeck. Jarle ist der tragische Held des Films, das Schicksal seines homosexuelles Begehrens, seiner anderen Liebe führte in die Katastrophe. Wie also sieht ein 17jähriger schwuler Jugendlicher heute diesen Film? Nicht auszudenken, wie ein Coming-out erzählt werden könnte. Ein Film, der auf etwas ganz anderes setzt, als eine tragische (Selbst-) Inszenierung schwuler Jugendlicher. Es wird Zeit, uns genau das vorzustellen.
Mannen som elsket Yngve auf dem youtube-channel von TLA Releasing UK