22nd Jan2011

Irgendwie anders

by admin

André Schäfer zeigt seinen Film “Schau mir in die Augen, Kleiner” auf dem Symposium “Homosexualität und psychoanalytische Ausbildung” des Instituts für Aus- und Weiterbildung in Psychoanalyse und Psychotherapie im Rheinland e.V. (Köln, Januar 2011)

Es ist Nacht, durch die Bäume scheint der Mond. Jamie und Ste, die beiden Jungen, rennen durch den Wald; es ist der Übermut ihrer ersten und jungen und schwulen Liebe, “Make your own kind of music, sing your own special songs”, singen “The Mamas and the Papas” zu dieser Sequenz aus “Beautiful Thing”, der 1996 zum ersten Mal beim London Lesbian and Gay Film Festival gezeigt wurde.

Keinen anderen Film habe ich öfter gesehen, als diesen und bin damit nicht alleine. Bestimmt 25 mal habe er ihn gesehen, gibt Matthias Freihof Auskunft, selbst Schauspieler und Hauptdarsteller des einzigen und letzten schwulen Films der DDR, ausgerechnet am Abend des Mauerfalls wurde “Coming out”, die Geschichte des Lehrers Philipp Klarmann in Ost-Berlin uraufgeführt.

Jeder schwule Mann kennt mindestens einen Film, der wie kein anderer die eigene Biografie geprägt hat, davon spricht Andrė Schäfer in seinem Dokumentarfilm “Schau mir in die Augen, Kleiner – Das Coming-Out des schwul-lesbischen Films”, der 2007 zum ersten Mal gezeigt wurde und mit dem im Januar das Symposium “Homosexualität und psychoanalytische Ausbildung” des Instituts für Psychoanalyse und Psychotherapie im Rheinland eröffnet wurde.
Als Hattie Macdonald 1993 in Thamesmead, einem sozialen Brennpunkt vor den Toren Londons die Liebesgeschichte der beiden 16jährigen inszenierte, war männliche Homosexualität in der wiedervereinigten Bundesrepublik noch immer ein Straftatbestand, die Schutzaltersgrenze lag, anders als für heterosexuelle Beziehungen, noch immer bei 18 Jahren. Der Schlusspunkt preußischer und später deutscher Rechtssetzung, die es für notwendig erachtete, im berüchtigten Paragraph 175 mann-männlichen Sex zu kriminalisieren, wurde erst ein Jahr später durch den Deutschen Bundestag gesetzt: Die Geltung des von den Nationalsozialisten 1935 verschärften und erst 1969 zaghaft reformierten Gesetzes wurde ausgesetzt, bevor es 1998 ganz gestrichen wurde.

“Beautiful Thing” ist ein Film mit Happy End, die beiden Liebenden finden sich nicht nur, sie bleiben zusammen, werden ein Paar und können am Ende mit allen, die ihnen wichtig sind, ihre Liebe offen zeigen, mittendrin auf dem weiten Platz zwischen Hochhausbauten tanzen sie. So wird der Film tatsächlich zu einer wunderbaren Projektionsfläche der Wünsche des schwulen Zuschauers. Es ist eine eigentümliche Erfahrung, die wir machen, wenn wir aus dem Alltag heraustreten können und wahrnehmen, welche Welten die Sprache des Films eröffnen kann. Die ästhetische Erfahrung intensiviert und verdichtet (“Ja, genau diese Gefühle erlebe ich auch!”) auf der einen Seite, auf der anderen erlaubt sie eine Distanzierung von dem, was wir Alltag nennen – ein Alltag, den Lesben und Schwule im Coming-out als von der Norm zur Heterosexualität bestimmt wahrnehmen.

Dass aber gerade der Mainstream Psychoanalyse die folgenschwere Entscheidung traf, die Entwicklung zur Homosexualität als eine krankhafte, neurotische zu beschreiben, erscheint heute, im Rückblick auf 106 Jahre nach Freuds “Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie” befremdlich. Fast könnte man sagen, die Erfindung der Psychoanalyse war eine kultur- und sozialgeschichtliche Notwendigkeit, stellte sie doch ein Instrumentarium zur Verfügung, die der bürgerlichen Familie innewohnenden Regeln der Polarität der Geschlechter, der Abspaltung des Triebs, der Hierarchie zwischen Rationalität und Affekt und der Konstituierung von Begehren und Sexualität nicht nur zu beschreiben, sondern eben auch – zu analysieren.

Hetero- und Homosexualität, die normgerechte und die abweichende Sexualität bedingen sich gegenseitig, die eine Sexualität ist in der bürgerlichen Gesellschaft die Garantin der anderen. Denn das, was den Homosexuellen zugeschrieben wurde, ihr im verborgenen stattfindender, ungehemmter und vor allem folgenloser sexueller Austausch, ist der verschwiegene Teil der Heterosexualität. Davon spricht die z. B. Geschichte der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen Bahnhofsmissionen, die ein Ort für “gefallene Mädchen” wurden. Dass auch heterosexuelle Männer und Frauen heute mehr oder weniger Orte finden, die einen ungehemmten und folgenlosen sexuellen Austausch ermöglichen, ist eine Binsenweisheit. Die politischen Emanzipationsbewegungen von Frauen, Lesben, Schwulen, die in der langen Geschichte der Jahre bis zur Studentenbewegung und der sexuellen Revolution der 1960er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gleiche Rechte errungen haben, haben in der Sprache der Psychoanalyse den unterdrückten Trieb befreit, befreien müssen, eben weil die bürgerliche  Familie, ebenso wie die Moderne insgesamt, in einem dialektischen Prozess ihr Gegenteil schon konstitutiv in sich trägt.

So schauen wir heute zurück auf Happenings nackter schwuler Männer im Central Park, gar nicht so lange nach den “Stonewall Riots”, im Anschluss an Polizeirazzien in New York’s Schwulen- und vor allem “Transen-”Bars. Schwule Männer wollten also genau so sein, wie es die Ablehnung der heterosexuellen Mehrheit voraussah. Heute können schwule Männer und lesbische Frauen auch anders sein. Mit einem Abstand von 40 Jahren, nach dem Lebenspartnerschaftsgesetz und dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz haben Lesben und Schwule zumindest in Deutschland mehr Wahlmöglichkeiten. Sie können nun auch vor dem Standesamt, wenn auch nicht in Baden-Württemberg, Verwandtschaftsbeziehungen begründen, müssen es aber nicht. Sie können Mütter und Väter werden und sich das wünschen, müssen es aber nicht. Sie können Soldatinnen werden und Soldaten, müssen es aber nicht.

Andrė Schäfer zeigt in seinem Film schwule Männer der politischen Emanzipationsbewegung, die daran verzweifeln wollen: Dafür haben wir gekämpft? Die Kritik der bürgerlichen Familie hat nicht zu deren Abschaffung geführt. Oder doch? Es ist eine andere Entwicklung, die auch das in Frage stellen wird. Sexualität war seit Beginn der Kristallisationspunkt der Psychoanalyse. Heute ist eine die zu fortschreitende Entkoppelung von Sexualität und Reproduktion zu beobachten, die spätestens seit der Erfindung der Pille mit Macht vorangetrieben wurde.  Sexualität bekommt eine neue Bedeutung, von der wir vielleicht noch gar nicht so genau wissen, welche es ist. Sexualitäten bekommen neue und vielfältige Bedeutungen, die insgesamt dem gesellschaftlichen Individualisierungsprozess entsprechen werden. Und wenn dann die Reproduktion als frei davon erlebt werden kann, wieso sollten dann nicht Familienformen entstehen, die möglicherweise nur scheinbar dem bekannten und tradierten bürgerlichen Modell von exklusiver Paarbeziehung mit Kind ähneln?
Das heißt im Umkehrschluss aber auch nicht, dass nun alles besser geworden ist. Die Normen der bürgerlichen Familie wirken noch immer machtvoll, vor allem in den traditionellen Orten bürgerlicher Berufe, in Schulen, im Gesundheitswesen z.B. Mit der wachsenden Präsenz von Lesben und Schwulen und mit beobachtbarer wachsender Akzeptanz in westeuropäischen und nordamerikanischen Gesellschaften bleibt die Frage, wie Eigenes und Fremdes, Normgerechtes und Anderes in einer Gesellschaft ins Verhältnis gesetzt werden. So lange es Feindlichkeit gegen Lesben und Schwule gibt, nur weil sie als Frauen Frauen und als Männer Männer lieben, fehlt dieser Gesellschaft etwas. Wer das andere Begehren, die andere Liebe als etwas so Fremdes wahrnimmt, dass er nicht anders kann, als auszugrenzen, abzugrenzen, zu unterdrücken und Gewalt auszuüben, der sieht nicht, dass es nur um einen Unterschied geht, um die Beschreibung des anderen, ohne es abwerten zu müssen. Und wenn erzieherische, beraterische und therapeutische Beziehungen zu jungen Lesben und Schwulen gelingen sollen, dann geht es darum, ihnen eine andere Erfahrung zu ermöglichen, als die Ablehnung des als fremd empfundenen eigenen Begehrens nur zu wiederholen. Homosexuellenfeindlichkeit ist Ausdruck einer Aggression, deren Bedingungsgefüge ein heterosexistisches ist, auch wenn es gleichwohl darum geht, dass Jugendliche lernen, ihre neuen sexuellen und damit auch aggressiven Impulse zu integrieren, um diese aktiven Impulse als Erwachsene kreativ einsetzen zu können.

Das letzte Wort hat Sylvia Sichel, Drehbuchautorin des Films “All over me” (1997). In seinem Film gibt Andrė Schäfer ihr die Gelegenheit zu beginnen, uns etwas auszumalen, was wir vielleicht selbst noch erleben werden, jenseits von Hetero- und Homosexualität und bürgerlicher Familie: “Ich bin nicht lesbisch. Ich habe einen Mann und Kinder. Aber heterosexuell? Das bin ich entschieden auch nicht.” Geht doch!

IPR-PA e.V. Köln

André Schäfer: SCHAU MIR IN DIE AUGEN, KLEINER

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04th Jan2011

Glauben und Wissen in der Diskussion

by admin

Rezension von Markus Chmielorz und Christoph Fleischer, Dortmund und Werl 2010

zu: Glauben und Wissen. Ein Symposium mit Jürgen Habermas, Herausgegeben von Rudolf Langthaler und Herta Nagl-Docetal. R. Oldenbourg Verlag – Akademie Verlag Wien 2007

Das Buch geht zurück auf ein Symposium in Wien 2005, das wiederum ein schon zuvor gehaltenes Referat von Jürgen Habermas voraussetzt: „Die Grenze zwischen Glauben und Wissen. Zur Wirkungsgeschichte und aktuellen Bedeutung von Kants Religionsphilosophie.“ In: Jürgen Habermas: Kritik der Vernunft. Philosophische Texte, Studienausgabe in 5 Bänden, Band 5, Suhrkamp Frankfurt am Main 2009, S.342-386 sowie in: Jürgen Habermas: Zwischen Naturalismus und Religion. Philosophische Aufsätze. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft Frankfurt am Main 2009, S. 216-257.

Den vollständigen Artikel finden Sie auf der Seite der-schwache-glaube.de

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