19th Sep2010

Systemische Beratung für Paare

by admin

“Systemische Beratung” ist die Bezeichnung für eine bestimmte Art des Denkens und Handelns, das vor über 40 Jahren mit der Familientherapie begann und sich von dort aus weiterentwickelt hat. Heute wird von systemischer Therapie, Beratung, Praxis gesprochen, um zu verdeutlichen, dass es nicht zwangsläufig Familien im traditionellen Sinn sein müssen, die im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen: Systemisches Arbeiten gelingt mit einzelnen, Paaren, Gruppen und Wahlfamilien, in denen z. B. homosexuelle Männer und Frauen leben. Der systemischen Beratung geht es nicht darum, Probleme als Eigenschaften einzelner Personen wahrzunehmen. Es geht um eine interaktionelle und zirkuläre Arbeitsweise, in deren Mitteplunkt  soziale Strukturen von Systemen stehen.

Paare wollen Beratung -nicht nur, doch vor allem-, wenn sie sich in einer Krise wiederfinden, die zu bewältigen die eigenen Ressourcen nicht (mehr) ausreichen. Nicht ungewöhnlich ist, dass diese Krise dadurch ausgelöst wird, dass eine dritte Person auf die Bühne trat oder sogar auf diese gebeten wurde – deshalb:

Elf Fragen

1.
Wie beschreiben sie sich selbst – als eher traditionelles oder eher unkonventionelles Paar? Was denken sie, macht sie dazu?

2.
Welche Vorstellungen ihrer Eltern zu Liebe, Beziehung, Sexualität haben sie bewusst übernommen? Welche sollen für sie garantiert nicht gelten?

3.
Welche Bedeutung haben sexuelle Beziehungen zu Dritten für sie? Sind sie eher eine positive Wahl (“mehr sexuelle Sensationen”) oder eher das Heilen eines Mangels?

4.
Angenommen, sie haben ihre exklusive Paarbeziehung geöffnet: Wer von ihnen beiden hat es zuerst ausgesprochen? Wer von ihnen hat zuerst eine dritte Person gesucht? Wo hat die erste Verabredung stattgefunden?

5.
Inwiefern gehören sexuelle Außenbeziehungen zu ihrem Verständnis von Homosexualität in einer bürgerlichen Gesellschaft?

6.
Welche Rolle spielt für sie Attraktivität und Attraktion in Bezug auf sexuelle Außenbeziehungen?

7.
Wenn sie gemeinsam sexuelle Außenbeziehungen eingehen: Wie, genau, ist es ihnen gelungen, eine dritte Person zu finden, die ihrer beider sexuellen Bedürfnissen entspricht?

8.
Welche Bedeutung haben sexuelle Außenbeziehungen für sie, wenn sie nur eine / einer von ihnen eingeht? Für jede / jeden von ihnen? Für sie als Paar?

9.
Manche Paare stellen Regeln für sexuelle Außenbeziehungen auf: Welche Regeln gelten für sie? Wie genau haben sich diese Regeln verändert im Laufe ihrer Beziehungsgeschichte?

10.
Wie erklären sie sich, dass die Krise innerhalb einer Beziehung sich oft und gerade am Thema Sexualität entzündet?

11.
Welche Frage sollte hier noch stehen, die ich ihnen bisher nicht gestellt habe?

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04th Sep2010

Fachtag 10 Jahre SchLAu NRW

by admin

Grußwort des Vorstandes des Schwulen Netzwerkes NRW e.V.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Freundinnen und Freunde, liebe Engagierte aus dem örtlichen SchLAu-Gruppen und dem landsweiten Netzwerk SchLAu NRW,

„würdet Ihr lieber hetero oder homo sein?“ „Ist es nicht pervers, schwul zu sein?“ „Zeigt Ihr Eure Zuneigung in der Öffentlichkeit?“ – Was würden Sie dafür tun, damit auch Sie in die Situation kommen, diese Fragen garantiert beantworten zu wollen?
Es sind die Fragen von Schülerinnen und Schülern zweier weiterführender Schulen in Nordrhein-Westfalen, deren Lehrerinnen und Schulsozialarbeiterinnen sich entschieden haben, etwas anders zu machen, wenn es um vielfältige sexuelle Orientierungen und Identitäten geht. Und, wenn ich eines verstanden habe, geht es bei allem, was diejenigen tun, die sich mit und für junge Menschen bei SchLAu engagieren, darum, etwas anders zu machen. Denn: Nur wenn wir „SchLAu“er werden, können wir uns verändern.

Wer hierzulande zehn Jahre alt geworden ist, der wird nach den Sommerferien in eine weiterführende Schule eingeschult. Was also liegt näher, als im Rahmen dieses kleinen Grußwortes für SchLAu eine Schultüte zu packen.

Wir finden darin…
…eine Schule

Wenn wir genauer hingucken, entdecken wir, dass die Bildungsreform, die Wilhelm von Humboldt zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Preußen umgesetzt hat, noch immer das Bildungssystem in Deutschland prägt. Noch ein halbes Jahrhundert zuvor kämpfte das Bürgertum um den gesellschaftlichen Aufstieg, durch Bildung sollte dieser Aufstieg erreicht werden.
Der Preis war die „Erfindung“ der bürgerlichen Gesellschaft, in der sehr genau bestimmt wurde, was normal ist und was nicht; in der die Rollen von Männern und Frauen festgeschrieben wurden an Hand der Gegensätze rational und emotional, in der ganz spezifische Vorstellungen von Liebe, Beziehung, Sexualität und Ehe entwickelt wurden. Die eben auch dazu führten, dass der österreichisch-ungarische Schriftsteller Kertbeny 1869 zum ersten Mal den Begriff „Homosexualität“ gebrauchte.
Man könnte auf eine Idee kommen: Die bürgerliche Gesellschaft und die Schule sind ohne ganz konkrete homosexuelle Menschen, ohne Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender gar nicht zu denken.
Die Dynamik, die dahinter steckt, kennt jede und jeder, die oder der einmal einen SchLAu-Workshop erlebt hat. Es ist noch immer um so vieles leichter, die eigene Stärke erst dann zu spüren, wenn man von oben auf die vermeintliche Minderheit herabgucken kann.
SchLAu lebt davon, es anders zu machen: Wenn ich mich darauf einlasse, meinem Gegenüber auf Augenhöhe zu begegnen, neugierig Fragen zu stellen und die Antwort zu hören – dann können Akzeptanz und Demokratie nicht nur in der Schule wachsen.

Wir finden in der Schultüte…
…einen Träger

SchLAu und das Schwule Netzwerk sind quasi eine Wahlfamilie. Nicht immer haben Eltern das Glück, dass sie ausgesucht werden. Das Schwule Netzwerk hatte dieses Glück, als SchLAu einen Träger für sich suchte.
Ich persönlich schätze ja den Teil des Wortes „tragen“ am meisten, der mit „Früchte und Ertrag hervorbringen“ in Verbindung zu bringen wäre. Und das passt so gut zu SchLAu. Denn die Geschichte von SchLAu ist eine Erfolgsgeschichte: Wir werden das gleich noch hören.
Und ein Träger wäre buchstäblich nicht er selbst ohne das, was er trägt: freiwillig Engagierte, Ehrenamtliche, die sich in den zehn Jahren, in denen sie gemeinsam im Landesnetzwerk SchLAu arbeiten, hohe Qualitätsstandards für ihre pädagogische Arbeit gegeben haben.
SchLAu arbeitet eigenverantwortlich und selbstorganisiert. Die Aufklärerinnen und Aufklärer dokumentieren, was sie tun, sie evaluieren die Arbeit in ihren Teams, sie vernetzen sich, bilden sich fort und bringen Aufklärung fachlich voran. SchLAu ist offen und gewinnt immer wieder neu Engagierte, die sich für das gemeinsame Anliegen und für andere einsetzen.
SchLAu, das sind zehn Jahre Kontinuität, Beharrlichkeit, Frustrationstoleranz und Entwicklung in einem Praxisfeld, in dem lange die höchste Kunst war, dicke Bretter bohren zu können. Damit ist SchLAu NRW zu einem Vorbild für andere geworden.
Dass all das seinen Platz unter dem Dach des Schwulen Netzwerkes gefunden hat und ein so wichtiger Teil des Netzwerkes geworden ist – das ist für uns fachlich und vor allem auch persönlich und eine große Bereicherung.

Als drittes sehe ich…
…einen Wunschzettel

„Schule ohne Homophobie – Schule der Vielfalt“ ist das jüngste Kind von SchLAu NRW, das gemeinsam mit der Landeskoordination Anti-Gewalt-Arbeit für Lesben und Schwule in NRW initiiert wurde. Es ist ein Projekt, das „offene Schulen“ auszeichnet, „Schulen, die aktiv sind für Respekt und Fairness, gegen ein Brett vorm Kopf und Ausgrenzung“. Aufklärungsveranstaltungen mit den örtlichen SchLAu-Gruppen sind ein wesentlicher Teil von „Schule ohne Homophobie“, weil nur der persönliche Kontakt hilft, Diskriminierungen abzubauen.
Der weitaus größte Teil der Arbeit von SchLAu NRW und des Projektes „Schule ohne Homophobie – Schule der Vielfalt“ geschieht ehrenamtlich und mit vergleichsweise doch sehr bescheidenen personellen und finanziellen Ressourcen.
Ich bin der festen Überzeugung, dass der inhaltlichen Professionalisierung der letzten zehn Jahre endlich eine dem Bedarf entsprechende Professionalisierung hinsichtlich der Ressourcen für die nächsten zehn Jahre folgen muss.
Weil SchLAu gelernt hat, dass in Bezug auf die Verbesserung der Lebenssituation von lesbischen, schwulen, bisexuellen und Transgender-Jugendlichen wenig sehr viel mehr ist, als nichts, bleibt als Wunsch: Mehr ist mehr, wenn es um Aufklärung geht.
Aufklärung ist das Herzensanliegen von SchLAu. Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Erziehungswissenschaft als Erziehungsziel Emanzipation formuliert hat. Das war in den 1970er Jahren des letzten Jahrhunderts. So lange Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender nicht frei sind, genauso unbeschadet und selbstbewusst erwachsen zu werden, wie ihre heterosexuellen Freundinnen und Freunde, bleibt die Sehnsucht, „es müsse anders zugehen“. Sie ist die Energie, die dazu auffordert: „Machen wir uns und die Welt, in der wir leben SchLAu – er!“

Herzlichen Dank!

Landesnetzwerk SchLAu NRW

Schwules Netzwerk NRW e.V.

Schule ohne Homophobie – Schule der Vielfalt

SchLAu NRW wird gefördert aus Mitteln des Ministeriums für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen (MGEPA)

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