Eine kurze Geschichte der Marginalisierung
Nachlese zum Europride 2010 in Warszawa
Es bleiben die Abdrücke unserer Schuhe im heißen Asphalt der Aleje Jerolzolismkie, unweit des Bahnhofs Warszawa Centralna. Am Freitagmorgen blättere ich im Flugzeug der polnischen LOT im Magazin „Kaleidoscope“. An diesem Wochenende, so der kurze Artikel, würden 15.000 Gäste in der Hauptstadt erwartet, die nach Zürich im Jahr zuvor nun hier den „Europride 2010“ feiern wollen. Die EPOA veranstaltet die politische Demonstration, die Parade, die stolz für gleiche Rechte eintritt – ein Netzwerk der europäischen Organisationen für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender. Die 16. Konferenz der EPOA tagte im September 2009 in Warszawa, um dort bereits die Kampagne zu beginnen, deren Höhepunkt ein Jahr später am Samstag, dem 17. Juli der Marsch der Toleranz durch die Straßen der Warschauer Innenstadt war.
„Rzeczpospolita“, das heißt Republik, jene aus der römischen Rechtstradition herkommende „res publica“, in der die öffentlichen Angelegenheiten der Bürgerinnen und Bürger verfassungsgemäß geordnet sind. In Polen ist die „Rzeczpospolita“ auch jene national-konservative Zeitung, deren Leitartikel zum Europride 2010 den Tenor hatte, dass niemand zur Toleranz gezwungen werden könne. Und, so die Befürchtung des Kommentators, die Erfahrungen der westeuropäischen Staaten hätte gezeigt, wo das Engagement der Lesben und Schwulen für gleiche Rechte enden würde: bei der Forderung nach Ehe und Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare.
Damit sind die Demarkationslinien aufgezeichnet. Auch 2010 noch arbeitet sich die Republik ab an einer Erfindung des Bürgertums aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts: Wem denn Ehe und Elternschaft zustünde? Welche Sexualitäten in dieser Gesellschaft denn positiv, wenn heterosexuell, oder negativ, wenn homosexuell, sanktioniert würden?
Am 1. Mai 2004 wurde das östliche Nachbarland Deutschlands, das lange die tiefen Spuren des nationalsozialistischen Terrors und des zweiten, von Deutschland aus begonnenen Weltkrieges trug, Mitgliedsstaat der Europäischen Union. Jener Union, die die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2006 rügte, weil noch immer kein Gesetz verabschiedet wurde, das vor Diskriminierungen schützt. Erst danach wurde es am 14. August desselben Jahres ausgefertigt, und hierzulande darf niemand „aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität“ benachteiligt werden.
Offenbar: Frauen verlieben sich in Frauen, Männer verlieben sich in Männer, dass das eine gesellschaftliche Tatsache ist, kann jede und jeder, die oder der mit offenen Augen durch unsere Straßen geht, sehen. Dass Homosexualität jedoch eine kulturelle Errungenschaft ist, zeigt die Geschichte der Herkunft des Wortes: Erst 1868 wurde der Begriff durch den ungarischen Schriftsteller Karl Maria Kertbeny geprägt.
Und 1868 gab es Polen nicht. Nach der dritten Teilung 1795 verschwand das Land von der Karte der europäischen Nationalstaaten. Und vielleicht beginnt spätestens hier das, was in der aktuellen öffentlichen Debatte in Polen unter dem Stichwort des „Opfer-Mythos“ diskutiert wird. Wer sich selbst von dem anderen, den er als den Stärkeren wahrnimmt, definieren lässt, weiß vielleicht bald selbst nicht mehr, wer er ist. Ein Bewusstsein von dem, was es ausmacht, Pole oder Polin zu sein, lesen wir, habe sich in der katholischen Kirche erhalten. Ausgerechnet in jener Kirche, deren Gründungsmythos selbst auf einem Opfer beruht.
Und nun schlägt dieser Mythos um in sein Gegenteil: Statt sich „den Vergessenen der Geschichte“, den Entrechteten zuzuwenden, sich herabzubeugen, statt die Perspektive des zerbrechlichen Subjekts, des kleinen „ich“ einzunehmen, wird die Bedrohung auf eben jene projiziert, die selbst lange zu den Marginalisierten der europäischen Gesellschaften gehörten: Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender. Und so stehen an einem Samstagnachmittag im Juli in der brütenden Hitze des „Plac Bankowy“ abgeschirmt von Hunderten von Polizistinnen und Polizisten, von der Staatsgewalt also, gläubige Katholiken am Straßenrand, die die für gleiche Rechte Demonstrierenden mit Weihwasser besprengen, um sie von der „Sodomie“ zu bekehren. Damit aber ist eine Begrifflichkeit angezeigt, die nicht dem Diskurs der Moderne, sondern dem theologischen Diskurs des frühen Christentums und des Mittelalters eigen ist. Genauso wenig aber trifft es zu, Polen insgesamt und die dort lebenden Menschen mit dieser Geschichte zu identifizieren. Das würde nur dasselbe Muster der Ausgrenzung abermals wiederholen.
Die Parade setzt sich fort, bunt, vielfältig, international, friedlich – entlang der Marszalkowska mitten ins Herz der Hauptstadt. 16.000 seien gekommen, berichtet der Veranstalter, 8.000 so die Aussage der Polizei. Am Straßenrand stehen Menschen, die die Demonstrantinnen und Demonstranten bejubeln, von einem Balkon Ecke Swietokrzyska winken Großmutter und ihre Enkeltochter.
„Nächstes Jahr, Du wirst seh’n…“ – 2011 wird der Europride in Rom stattfinden, und in Warszawa werden Lesben und Schwule aus dem ganzen Land abermals bei einem Marsch der Toleranz für gleiche Rechte kämpfen, die sie auch dann noch nicht errungen haben werden. Wir stellen uns eine Gesellschaft vor, in der es möglich sein wird, unbeschadet zu lieben und die aktiven Potenziale der Sexualität selbstverständlich zu leben. Eine Gesellschaft, in der es möglich ist, die eigene eine Identität kreativ zu gestalten und in der es möglich ist, Sinn zu suchen und Spiritualität zu erleben, ohne sich und andere unterdrücken zu müssen – egal ob hierzulande oder dort.