Ernst Barlach: Das Wiedersehen
Zwei Menschen begegnen sich. Sie sind barfuß, gekleidet nur mit einem langen Gewand. Und damit fallen sie, die beiden, die sich begegnen, aus unserer Zeit und unserer Kultur heraus. Barlach zeigt sie uns stehend. Die Bildhauerarbeit steht auf einem kleinen Brett, sie haben einen gemeinsamen Untergrund, der sie trägt. Die Oberfläche glänzt im Licht. Ein bärtiger Mann links, aufrecht stehend, sehr gerade. Sein Kopf ist leicht nach rechts unten geneigt, eine kleine Nuance nur. An seinen Schultern stützt sich der andere, der ob seiner Haare und der Falten in seinem Gesicht älter wirkt. Der Linke hält ihn, seine Arme stützen ihn. Der Rechte ist gebeugt, er schaut den anderen an, von unten geht sein Blick nach oben. Und so kommt eine merk-würdige, frag-würdige Hierarchie ins Bild. Die Begegnung ist „das Wiedersehen“, das Barlach 1926 aus dem Material herausgearbeitet hat. Die Beiden umarmen einander, der eine hält den anderen, der andere hält sich an dem einen. Doch ihre Gesichter, ihre Mimik spricht nicht von diesem körperlichen Gefühl des Haltens und Gehalten-Werdens, des „Wiedersehens“. Dass das „Wiedersehen“ eher ein Zurückkommen ist, können wir daran ablesen, daß die rechte Figur von rechts nach links, entgegen unserer kulturell geprägten Linie des Fortschritts von links nach rechts, entgegen unserer Leserichtung in die Arme der linken Figur gekommen sein muß. Welches Gefühl löst die gebeugte, gekrümmte Haltung der rechten Figur aus? Von welcher Bedürftigkeit spricht sie? Noch einmal: „Das Wiedersehen“ ist kein Dialog des Blicks. Und nicht nur deshalb nicht, weil Barlach die Augen bildhauerisch nicht ausgestaltet hat: keine Iris, keine Pupillen – die Augen, die blicklos offen sind, markieren quasi eine Leerstelle, einen Verweis. Und so könnte der Betrachter meinen, daß der Titel zunächst in die Irre führt. Da der Blick der beiden Figuren nicht aufeinander gerichtet zu sein scheint, muss mit „Wiedersehen“ etwas anderes zur Sprache kommen. Der Blick wirkt eher nach innen gerichtet, so, als würde angesichts des Gefühls eben genau dieser Begegnung in der Umarmung die Möglichkeit eröffnet, nicht einander wiederzusehen, sondern sich selbst wieder zu sehen, wieder zu erkennen, wieder zu spüren. Im „Wiedersehen“ nimmt Barlach paradoxerweise den Überschuss des Visuellen zurück und führt seine Figuren und uns zurück auf eine basalere Wahrnehmung, die die Forscher/innen der frühen Kindheit coenästhetische Wahrnehmung nennen: Eine Wahrnehmung, die nicht wie der Blick zwischen den einzeln wahrgenommenen Bildern des Auges unterscheidet, sondern die im Gegensatz dazu ein Gefühl der Haut und des Körpers als Ganzes vermittelt. Erst jetzt kann spürbar werden, dass es Barlach nicht darum zu tun ist, die für den Betrachter auf den ersten Blick so deutlich sichtbare Hierarchie der beiden Personen herauszuarbeiten. Es geht ihm darum, uns eine vergessene Wahrnehmung neu aufzuschließen: dass wir selbst nur im anderen geborgen sind.
Nachbemerkung:
„Jesus und Thomas“ ist der Untertitel der Arbeit, den Barlach erst später hinzufügt. Damit stellt er den religiösen Bezug unmittelbar her. Es ist wohl davon auszugehen, dass Barlach in der rechten Figur ein Selbstbildnis geschaffen hat. Damit spricht er das Thema der religiösen Sozialisation in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an, die zum einen von der Außensicht gesellschaftlicher und kultureller Vorgaben geprägt ist, zum anderen aber von der Innensicht einer religiösen und spirituellen Erfahrung, die der modernen, begrifflichen Zurichtung entzogen ist. Barlach erlaubt dem Betrachter aber auch eine ästhetische Erfahrung, die heute ohne den religiösen Bezug lesbar ist. Insofern stellt „Das Wiedersehen“ auch eine Übersetzungsleistung in die säkularisierte Moderne dar.