14th Apr2010

Ernst Barlach: Das Wiedersehen

by admin

Zwei Menschen begegnen sich. Sie sind barfuß, gekleidet nur mit einem langen Gewand. Und damit fallen sie, die beiden, die sich begegnen, aus unserer Zeit und unserer Kultur heraus. Barlach zeigt sie uns stehend. Die Bildhauerarbeit steht auf einem kleinen Brett, sie haben einen gemeinsamen Untergrund, der sie trägt. Die Oberfläche glänzt im Licht. Ein bärtiger Mann links, aufrecht stehend, sehr gerade. Sein Kopf ist leicht nach rechts unten geneigt, eine kleine Nuance nur. An seinen Schultern stützt sich der andere, der ob seiner Haare und der Falten in seinem Gesicht älter wirkt. Der Linke hält ihn, seine Arme stützen ihn. Der Rechte ist gebeugt, er schaut den anderen an, von unten geht sein Blick nach oben. Und so kommt eine merk-würdige, frag-würdige Hierarchie ins Bild. Die Begegnung ist „das Wiedersehen“, das Barlach 1926 aus dem Material herausgearbeitet hat. Die Beiden umarmen einander, der eine hält den anderen, der andere hält sich an dem einen. Doch ihre Gesichter, ihre Mimik spricht nicht von diesem körperlichen Gefühl des Haltens und Gehalten-Werdens, des „Wiedersehens“. Dass das „Wiedersehen“ eher ein Zurückkommen ist, können wir daran ablesen, daß die rechte Figur von rechts nach links, entgegen unserer kulturell geprägten Linie des Fortschritts von links nach rechts, entgegen unserer Leserichtung in die Arme der linken Figur gekommen sein muß. Welches Gefühl löst die gebeugte, gekrümmte Haltung der rechten Figur aus? Von welcher Bedürftigkeit spricht sie? Noch einmal: „Das Wiedersehen“ ist kein Dialog des Blicks. Und nicht nur deshalb nicht, weil Barlach die Augen bildhauerisch nicht ausgestaltet hat: keine Iris, keine Pupillen – die Augen, die blicklos offen sind, markieren quasi eine Leerstelle, einen Verweis. Und so könnte der Betrachter meinen, daß der Titel zunächst in die Irre führt. Da der Blick der beiden Figuren nicht aufeinander gerichtet zu sein scheint, muss mit „Wiedersehen“ etwas anderes zur Sprache kommen. Der Blick wirkt eher nach innen gerichtet, so, als würde angesichts des Gefühls eben genau dieser Begegnung in der Umarmung die Möglichkeit eröffnet, nicht einander wiederzusehen, sondern sich selbst wieder zu sehen, wieder zu erkennen, wieder zu spüren. Im „Wiedersehen“ nimmt Barlach paradoxerweise den Überschuss des Visuellen zurück und führt seine Figuren und uns zurück auf eine basalere Wahrnehmung, die die Forscher/innen der frühen Kindheit coenästhetische Wahrnehmung nennen: Eine Wahrnehmung, die nicht wie der Blick zwischen den einzeln wahrgenommenen Bildern des Auges unterscheidet, sondern die im Gegensatz dazu ein Gefühl der Haut und des Körpers als Ganzes vermittelt. Erst jetzt kann spürbar werden, dass es Barlach nicht darum zu tun ist, die für den Betrachter auf den ersten Blick so deutlich sichtbare Hierarchie der beiden Personen herauszuarbeiten. Es geht ihm darum, uns eine vergessene Wahrnehmung neu aufzuschließen: dass wir selbst nur im anderen geborgen sind.

Nachbemerkung:

„Jesus und Thomas“ ist der Untertitel der Arbeit, den Barlach erst später hinzufügt. Damit stellt er den religiösen Bezug unmittelbar her. Es ist wohl davon auszugehen, dass Barlach in der rechten Figur ein Selbstbildnis geschaffen hat. Damit spricht er das Thema der religiösen Sozialisation in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an, die zum einen von der Außensicht gesellschaftlicher und kultureller Vorgaben geprägt ist, zum anderen aber von der Innensicht einer religiösen und spirituellen Erfahrung, die der modernen, begrifflichen Zurichtung entzogen ist. Barlach erlaubt dem Betrachter aber auch eine ästhetische Erfahrung, die heute ohne den religiösen Bezug lesbar ist. Insofern stellt „Das Wiedersehen“ auch eine Übersetzungsleistung in die säkularisierte Moderne dar.

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12th Apr2010

Perspektivenwechsel

by admin

Wie sich Coming-out-Geschichten im Jugendbuch verändern

In diesem Frühjahr ist ein neuer Jugendroman erschienen, in dessen Mittelpunkt es um eine Coming-out-Geschichte geht. (Borlik, Michael: Ihr mich auch. Stuttgart/Wien [Thienemann], 2010) Hier bietet sich ein Vergleich an unter der Fragestellung: Wie wird das Coming-out heute beschrieben und wie wurde es noch in den 1990er Jahren erzählt?

„Wo können homosexuelle Jugendliche etwas über sich und ihre Gefühle erfahren?“, lautete 1996 die Frage im Klappentext des erfolgreichen Jugendbuches „Rollenspiele“ des schwedischen Autoren Hans Olsson. Die Geschichte des 15jährigen Johan Alexander war eine Coming-of-age- und eine Coming-out-Geschichte zugleich. Das trifft auch auf das Buch „Ihr mich auch“ zu, dem jüngsten Roman von Michael Borlik. Olsson wurde 1962 geboren, und „Rollenspiele“ war das erste Jugendbuch des ehemaligen Lehrers. Borlik wurde 1975 geboren, und sein neuester Roman ist sein erstes Jugendbuch, das auch eine Coming-out-Geschichte ist. Was also wird aus einem Jungen, der, wenn er erwachsen wird, merkt, daß er sich nicht wie seine Freunde in Mädchen, sondern in Jungen verliebt? Bei Hans Olsson las sich das, sechs Seiten vor dem Ende des Buches so: „Ich musste es tun. Ich konnte nicht länger auf dem Sprungbrett stehen und mich fragen, wie das wohl war, wenn man sprang. Ich musste springen. ‚Man kann es in der Tat aussprechen‘, sagte ich laut, ‚say after me: schwul.‘“ 17 Jahre später klingt das bei Borlik auf der achten Seite des Buches dann so: „Und dann sagt er: ‚Ich bin schwul, aber Du kannst mich Daniel nennen.‘“ Das ist vielleicht der wichtigste Perspektivenwechsel, wenn es um das Thema schwule Jungen im Jugendbuch geht. 48 Kinder- und Jugendbücher sind in diesen 17 Jahren erschienen, in denen es um lesbische Mädchen und schwule Jungen geht, in mehr als 320 Büchern geht es um die erste Liebe – damit ist der Anteil etwas höher als die in unserer Gesellschaft geschätzten 10 % lesbischer und schwuler Menschen.

1993 richtete sich die Perspektive der Hauptperson nach innen. Johan nahm sehr genau wahr, wie er sich selbst in der Gruppe der Freundinnen und Freunde verändert. Er entdeckte sein Begehren und begehrte den Körper eines anderen Jungen. Das Buch beschrieb diesen für Johan schwierigen Entwicklungsprozess sehr genau; am Ende hatte Johan gelernt, sich seiner Gefühle sicher zu sein und konnte sagen: „Ich bin verliebt, Mama.“ Olson erzählte Johans Geschichte, indem er Worte und Sätze fand, die das innere Erleben sehr genau beschrieben als ein ungekanntes Übermaß körperlicher Empfindungen, bisher nicht erlebter Gefühle und eine nachfolgende Verwirrung und Verunsicherung, die erst am Ende einem neuen Selbstbewusstseins eines jungen schwulen Mannes weichen konnte.
Indem Borlik seinen Roman heute quasi als einen Dialog der beiden Hauptfiguren, des heterosexuellen Nico und des schwulen Daniel, anlegt, richtet sich nun die Perspektive der Hauptpersonen eher nach außen. Beide Jungen brauchen in dieser Erzählung ihr Gegenüber als einen Resonanzkörper, um sich in der Abgrenzung vom anderen selbst erleben, erfahren zu können, um so ein Bewusstsein für sich selbst zu finden. Daniels Coming-out wird also nicht als ein Prozess des Findens der eigenen sexuellen Orientierung beschrieben – Daniel hat sie sicher gefunden. Sein Coming-out bezieht sich auf die Personen, die außerhalb seiner selbst sind: Wie reagieren sie? Bei beiden Hauptpersonen wird zugleich deutlich, wie die Integration der neuen, aktiven, sexuellen Anteile der Person mit einem aggressiven Potenzial ausgestattet sind – bei Nico werden sie in der Abwehr aller homosexuellen Impulse kanalisiert, bei Daniel in der Abwehr der den anderen immer schon unterstellten und dann tatsächlich erlebten homophoben Impulse: „Ich bin nicht ängstlich. Nie gewesen. Nach meinem Coming-out trat ich der Welt mit allem entgegen, was ich zu bieten hatte. (…) Man muss zu einem eiskalten Killer werden. Einem Hai. Andere verletzen, bevor sie dich verletzen.“ (Borlik, 2010, S.233)
Für Nico wird aus Daniel mit dem er im Internat sein Zimmer teilt und den er wieder und wieder „die Schwuchtel“ nennt, erst am Ende „ein Schwuler“. Dass Borlik ein Internat als Setting seiner Coming-out-Geschichte gewählt hat, ist ein geschickter erzählerischer Kunstgriff, der im Verlauf der Geschichte immer mehr erlaubt, davon abzusehen, die Unterschiede seiner Hauptpersonen zu pflegen. Als Junge hetero- oder homosexuell erwachsen zu werden, ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht. Beim Blick auf die geteilten Erfahrungen des Settings Internat jedoch können sie mehr und mehr in den Hintergrund treten und Platz machen dafür, das zu erzählen, was unabhängig von der sexuellen Orientierung in der Adoleszenz als Gemeinsames erfahren wird: die schulische Hierarchie, die Rituale des Erwachsenwerdens, die Auseinandersetzung mit dem Tod und –selbstverständlich- sich zu verlieben und diese intensive erste Liebe wieder zu verlieren. Der Entwicklungsschritt kann an der Stelle passieren, an der sich beide aneinander abgearbeitet haben und erleben, daß die eigene Veränderung ohne den jeweils anderen genau so eben nicht zustande gekommen wäre.

Borlik beschreibt weniger, was in seinen Hauptpersonen vorgeht, als vielmehr, was zwischen ihnen passiert. An dieser Stelle wäre ein Vergleich interessant, wie junge Schwule Olssons „Rollenspiele“ vor 17 Jahren rezipiert haben und wie sie heute Borliks „Ihr mich auch“ wahrnehmen. Die von Olsson angebotene Introspektion seiner Hauptfigur ermöglicht das Erleben einer Intensität von Gefühlen aufgrund der geteilten Coming-out-Erfahrung von Hauptfigur und Leser. Borliks Angebot, das eigene Coming-out offensiv zu vertreten, das eigene Schwulsein offensiv zu leben, befördert ein selbstbewusstes Handeln in der eigenen peer group. Damit gelingt Borlik die Erzählung eines Happy Ends. Seine Hauptperson kann sich nun sicher sein, dass er von seinen Freundinnen und Freunden deshalb anerkannt und gemocht wird, weil er genau so ist, wie er ist und weil er ihnen diese Anerkennung auch zurückgeben kann. Daniel ist erwachsen geworden, seine sexuelle Orientierung bleibt ein wichtiger Teil seiner Persönlichkeit, neben all den anderen Aspekten, die ihn ausmachen.
Wir können gespannt sein darauf, welchen Perspektivenwechsel wohle eine Coming-out-Geschichte in 17 Jahren erzählen wird.

Homepage zum Jugendroman “Ihr mich auch”

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