Anti-Christ
Christ wird man –ein Kind- durch die Taufe: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Der Mensch Jesus, der vor 2000 Jahren in einem Staat am Rande des römischen Reiches lebte, wird durch den gewalttätigen, grausamen Tod am Kreuz, durch die Tortur zum „Christus“, den der Glaube der ersten Christen bezeugt.
Dieser Film ist ein Stück über Gewalt. Er beginnt mit einer Parallelmontage: die lustvolle, sexuelle Gewalt – die Gewalt des Todes. Das Kind fällt, in schwarz-weiß, in Zeitlupe, aus dem Fenster in den frisch gefallenen Schnee. Ohne den Sohn sind die Eltern, fortan auf sich selbst zurückgeworfen; als Paar haben sie Sex miteinander, nicht als Vater und Mutter.
Dieser Film also ist voll von Gewalt: Der Penis des Mannes, der in die Vagina der Frau eindringt; sie schlägt sich aus Trauer um den toten Sohn die Stirn blutig an der Toilettenschüssel; er übt seinen Beruf an ihr aus und will ihre Psyche therapieren, sein „Du musst es aushalten“; ein Fuchs, dessen Bauch aufgeschlitzt ist; die Bilder der Hexenverfolgungen und der an ihren Körpern von Männern ausgeführten Torturen; sie stößt einen Holzscheit in seine Genitalien, durchbohrt seine Wade, um einen Schleifstein durch sie hindurch an ihm zu befestigen; er versucht einen Raben mit einem Stein wieder und wieder zu erschlagen; sie schneidet sich ihre Klitoris ab; er wird sie am Ende des Films erwürgt haben.
Prolog, Trauer, Schmerz, Verzweiflung, Die Drei Bettler und Epilog sind die sechs Kapitel des Films überschrieben. „Wovor hast Du Angst“, fragt er, ihr Mann, der sich selbst zu ihrem Therapeuten macht – das war auch eine Interaktionsübung aus den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, und dass, was uns ängstigt sei zugleich das, was wir begehren. Als Psychotherapeut schreibt er Berichte, eine Pyramide der Angst, an deren Spitze zuerst „Natur“ steht, ausgestrichen, dann „Satan“, ausgestrichen, dann am Ende „Me“, die Frau selbst. In der Einsamkeit der Natur, des Waldes. In der Hütte „Eden“, in der das Bürgerliche, das Über-Ich von einem abfallen kann mit der Unverfügbarkeit von Wasser, Gas oder Strom, hatte sie im Sommer davor ihre Schrift buchstäblich verloren, hatte ihr Projekt über „Gynocide“ zu schreiben aufgegeben. Ihre Materialsammlung endete damals in einem unleserlichen Gekrakel. In der Hütte „Eden“ also, versucht er, sie zu therapieren, sie zu befreien von der Angst, von der Trauer. Mit Foucault können wir es uns leicht machen und die Begründung der bürgerlichen Gesellschaft aus einem gewaltsamen Schnitt beschreiben, der trennt: Wahnsinn von Vernunft, Emotion von Verstand und Mann von Frau. Eine Reihe gleicher Einstellungen legt diese Lesart nahe: Schuss und Gegen-Schuss in Nahaufnahme, seine Blickrichtung ist die moderne des Fortschritts, von links nach rechts, ihre lesen wir rückwärtsgewandt, von rechts nach links.
Was ist wahr? Das ist die andere Frage des Films, der mit unserer Wahrnehmung als Zuschauer/in ebenso spielt, wie mit der Wahrnehmung des/der Protagonisten/in. Wenn des Gynozid, die mittelalterliche Hexenverfolgung nur in einer Projektion männlicher Vernunft auf weibliches Körperwissen war, dann (re-)agieren Exorzisten ebenso irrational, wie die Zuschreibung auf die Objekte ihres gewaltsamen Zugriffs. Die Frau fragt den Mann: „Wenn die Natur böse ist…“ – wenn also die Zuschreibung fehlt geht, weil es nichts zuzuschreiben, sondern nur Fakten zu erkennen gibt? Der Autopsiebericht, den der Vater nach dem Tod des Sohnes erhält, suggeriert uns einen Beweis: Die Füße des Jungen waren deformiert. Die Frau, die Mutter des Sohnes zog einen Sommer lang dem Sohn, der ein Mann erst noch werden würde, der andere sein würde, den linken Schuh an den rechten Fuß, den rechten Schuh an den linken Fuß. Und wenn die Zuschreibung des Bösen in der Natur nun wiederum eine Autosuggestion wäre? Kann denn ein System mit seinen Wechselwirkungen und Korrelationen Subjekt und Objekt überhaupt eindeutig bezeichnen? Am Ende des Films überlebt der Mann, Mord oder Totschlag, hinkend, mit einer Krücke durch den Wald laufend. Er pflückt Brombeeren, von denen er sich ernährt. Es begegnen ihm die „Drei Bettler“, ein von Lars von Trier als Motiv erfundenes Sternbild, Reh, Fuchs und Rabe, Trauer – Schmerz und Verzweiflung, drei zahme Tiere nun. Es ist nicht lange her, da sagte der Mann seiner Frau: „Diese Konstellation gibt es nicht!“
Kann also in diesem Film die Frau sagen: „Ich will!“? …dem Mann die Wade durchbohren, ihm den Schleifstein am Fuß befestigen, ihn zum Ödipus machen, dem Sohn die Schuhe verkehrt herum anziehen? Umgekehrt: Welche Bedingungen müssten denn eintreten, um das „ich will“ des Mannes in Frage zu stellen? Nachdem er das Verborgene entdeckt hat, den Raum ihrer Studien, der Bilder der Hexenverbrennungen, das Buch ihrer verlorenen Schrift (ihres verlorenen Verstandes?), die Fotos der Füße des Sohnes, die Röntgenaufnahmen des Autopsieberichtes – da muss (!?) der sie erwürgen am Ende: Das ist der Anti-Christ, der nicht stirbt, der erwürgt, der nicht klagt: „Vater, Vater, warum hast Du mich verlassen?“, der statt dessen selbst zurücklässt. Der Mann verbrennt am Ende den toten Körper der Frau und nicht „Eden“, die Hütte im Wald.
Im Epilog, in schwarz-weiß wiederum, geht er den Weg zurück in die Zivilisation, ihm entgegen, den Hügel hinauf, steigen Frauen entgegen. Eben noch haben wir ihre nackten Körper in Embryonalhaltung als die Wurzeln der Bäume gesehen, nun tragen sie seltsam altmodische Kleidung und sind gesichtslos – Totale, die Bilder verschwimmen, lösen sich auf in stärker werdendem Kontrast von Schwarz und Weiß, Blende und Schluss.
Nicht auszudenken, wie es wäre, wenn wir allen handelnden Personen ausnahmslos den Vollbesitz ihrer physischen und psychischen Fähigkeiten anerkennen würden. Nicht auszudenken, wie es wäre, wenn wir allen handelnden Personen eine Wahrnehmung anerkennen würden, die der Realitätsprüfung unserer Alltagswelt nicht standhielte. Wenn ein Paar ob der Gewalt, die es durch den Tod des Sohnes erlebt hat, nicht anders kann, als sich selbst und gegenseitig in eine Spirale von Gewalt zu schicken, die in der finalen Gewalt des Entweder-oder mündet… Diese Lesart trägt deshalb nicht, weil der Mann an keiner Stelle sich selbst Gewalt antut, sprich: Zeichen in seinen Körper hineinschreibt. Der am Kreuz gefolterte Mensch Jesus ist der Anti-Christ, jener, dem die Gewalt in den Körper eingeschrieben wurde ohne Einhalt, ohne Sinn und Verstand, ohne Erhöhung und Umdeutung, bis zur Auslöschung durch den Tod. Zum Christus wird er danach gemacht, die Zeichen werden umgedeutet und nun abermals ausgelöscht und für die Kirche später Grund genug, Gewalt wieder und wieder zu perpetuieren. Könnte es also sein, dass Lars von Trier die Frau ebenso zur Agentin dieser perpetuierten Gewalt machen wollte, wie den Mann?
Die Natur ist die „Gesamtheit des Gewachsenen“, ein Wort, das eigentlich „Geburt und Geborensein“ bedeutet. Die Natur an sich kann weder gut, noch böse sein, denn auch wenn sie Gesetzmäßigkeiten folgt, dann ist sie doch a-moralisch. Moral ist ein „gesellschaftlich bedingtes System geltender Normen und Regeln sittlichen Verhaltens“, das seit der Moderne zumindest, die Natur überformt. Wo die Natur ihrer eigenen Logik folgt, sehen wir einen nur guten Sinn oder die zerstörerische Gewalt des Bösen. Am Ende siegt diese Gewalt jedoch als religiöse, kulturelle, gesellschaftliche. Der, der das Opfer bringt, schlachtet, kreuzigt, erwürgt – der kann nicht anders, als die strukturelle Gewalt wieder und wieder zu bestätigen und in ihr Recht zu setzen.
Der rationalen Erkenntnis „(…) ist das Leiden fremd, sie kann es subsumierend bestimmen, Mittel zur Linderung bereitstellen; kaum durch seine Erfahrung ausdrücken: eben das hieße ihr irrational.“ (Adorno, Theodor W.: Ästhetische Theorie, Frankfurt/Main, 22004, S. 35) Das buchstabiert der Film von A bis Z, von Alpha bis Omega, von der Geburt bis zum Tod. Der Film rezipiert das Unheil und protestiert nicht einmal vergeblich dagegen. Gilt also, was Adorno über die Kunst schrieb, dass durch das Aussprechen des Unheils seine Entmächtigung schon antizipiert würde? (Vgl. ebd.) Es ist, als hätte Adorno das Programm dieses Films schon vorweggenommen: „Durch die unversöhnliche Absage an den Schein der Versöhnung hält sie [die Kunst] diese fest inmitten des Unversöhnten, richtiges Bewußtsein einer Epoche, darin die reale Möglichkeit von Utopie – dass die Erde (…) jetzt, hier, unmittelbar das Paradies sein könnte – auf einer äußersten Spitze mit der Möglichkeit der totalen Katastrophe sich vereint.“ (ebd., S. 55)
Und wenn sich beide, Mann und Frau gleichen darin, dass sie Agent/in dieser Praxis sind, die auf die Natur einwirken will? Bliebe die Frage, wie diese Praxis sich verhält zum Begriff, den die Moderne herausbildet. So, wie die Hysterie eine Projektion ist und Körper sich formen nach den Imaginationen des Psychiaters: Magie, die im Gewand der Rationalität daherkommt.
Antichrist. EU/DNK 2009. R: Lars von Trier. B: Anders Thomas Jensen. M: Georg Friedrich Händel. Mit: Charlotte Gainsbourg, W. Dafoe. 108 Min.
Lars von Trier Anti-Christ
Verleih in Deutschland: Münchner Film-Agentur