(Leserbrief, veröffentlicht in Familiendynmik, [34]2009, Heft 4, Seite 415)
Ich freue mich sehr, dass die Familiendynamik (Heft 2/09) mit dem Aufsatz “Komplizierte Verhältnisse” von Dorett Funcke das Thema der sogenannten “Regenbogenfamilien” aufgenommen hat. Als Pädagoge und systemischer Familienberater, der in einer psychosozialen Beratungsstelle für Lesben, Schwule und deren Familien (www.rosastrippe.de) arbeitet, bietet der Artikel eine gute Grundlage, neue Fragen zu stellen – aus Anlass von Praxis für Praxis. Ich erlaube mir nach der kreativen Lektüre gerne ein paar Anmerkungen.
Wenn es um Familienstrukturen und -dynamiken geht, dann scheint es mir unverzichtbar, die historische Bedingtheit unseres gegenwärtigen “bürgerlichen” Familienmodells mit seinen Regeln für die Parnter/innenwahl, mit seinen Vorstellungen von Liebe, Sexualität und Geschlechtsrollen zusammenzudenken mit der historischen Bedingtheit von Homosexualität – denn beide Modelle bedingen sich gegenseitig. Die gleichgeschlechtliche Partner/innenwahl erscheint so als eine mögliche Lösung, die als Ausnahme u. a. Sexualität ohne Zeugung und einen spielerischen Umgang mit Geschlechtsrollen erlaubt und als Ausnahme zugleich die Regeln der bürgerlichen Familie und deren Heteronormativität bestätigt.
Eine gleichgeschlechtliche Partner/innenwahl manifestiert sich in der Adoleszenz, in der Zeit also, in der Jugendliche den Pol besetzen, der am weitesten entfernt sein kann von den Identifikationen der Kindheit. Die Frage nach der eigenen Rolle als Frau oder Mann und dann nach der Gestaltung der gleichgeschlechtlichen Beziehung können in Bezug auf die Modelle der bürgerlichen Familie und der eigenen Herkunftsfamilie als deren Bestätigung oder in Abgrenzung dazu beantwortet werden. Das gilt auch für die Entscheidung, die Rolle als Mutter oder Vater anzunehmen oder sie abzulehnen. Hier sind einige Lösungen möglich.
Auffallend ist, daß der Artikel von Dorett Funcke wenig Auskunft gibt über Motive: Welche Motive geben gleichgeschlechtliche Paare an, die der Ent-scheidung zugrunde liegen, die Paarkonstellation auf Familie hin zu erweitern? Wie beschreiben Frauen und Männer, die eine gleichgeschlechtliche Partner/innenwahl getroffen haben, ihre soziale Rolle als Mütter oder Väter? Welche Funktion hat die Entscheidung für ein Kind für die Ausgestaltung der eigenen Rolle zuerst als Partnerin und dann als Mutter oder als Partner und dann Vater? Auch hier sind vielfältige Lösungen möglich: Die biologische Mutter kann auch juristisch Mutter sein, muss dies aber nicht auch in ihrer sozialen Rolle sein – der biologische Vater muss nicht auch juristisch Vater sein, kann dies aber in seiner sozialen Rolle sein.
Allerdings: Spannend wäre zu untersuchen, unter welchen Bedingungen auch Paaren mit heterosexueller Partner/innenwahl dieselben Fragen gestellt werden oder umgekehrt: Welche Bedingungen müssen in Zukunft eintreten, damit gleichgeschlechtlichen Paaren diese Fragen garantiert nicht mehr gestellt werden? Nachdem ich den Artikel gelesen habe, scheint es mir eher so zu sein, dass die Möglichkeit einer donogenen Insemination nicht zu einer Veränderung des Familienmodells, wohl aber zu einer Veränderung des Modells von Homosexualität führt – wir dürfen auf weiteren Forschungsergebnisse gespannt sein.
Zeitschrift Familiendynamik
Homepage der Autorin der Studie, Dorett Funcke
