(c) Markus Chmielorz 2009

Materialien, Formensprachen, Themen – bekomme ich hier, wo Kurator/innen Künstler/innen für Länderpavillons auswählen, einen Eindruck davon, was Kunst bedeuten kann 2009?
„Does a female painting rather speak 2 a woman?“, fragt der österreichische Pavillon, der in diesem Jahr einen neuen Namen trägt: Tabu.
Am Ende bleiben wohl drei Arbeiten, eine aus dem serbischen Pavillon, eine aus dem österreichischen Pavillon und eine Videoinstallation aus „Fare Mondi“ im ehemaligen italienischen Pavillon: Natalie Djurberg, Elke Krystufek und Soran Todorovic und vielleicht, als Vierter, Luiz Braga für Brasilien.
Stellt Kunst also auch heute noch besondere Fragen? Und stellen sie sich anders für Männer und Frauen? Selbstverständlich, könnte die Antwort sein. „Kunst lebt von ihrer Zeitgenossenschaft“, das ist ein altes Diktum. Zeitgenossenschaft hieße: Es wagen, mit unsicherem Ausgang. Fragen offen zu stellen – was führt also dazu, zu genau dieser Kunst, die genau hier, an diesem Ort, zu dieser Zeit zu sehen ist?

Anders: Natalie Djursberg erzählt eine Geschichte, am Anfang ein Paar, Mann und Frau, auf dem Weg. Der Weg führt in den Wald, wir glauben, angsterfüllte Gesichter zu sehen. Am Ende, ein Paar, Mann und Frau, nackt, sie ohne Arme, er ohne Beine, sie trägt ihn. Das Moor, durch das sie gingen, wurde ebenso lebendig, wie Bäume, Pflanzen und Tiere, die die beiden entblößten, ihnen Kleidung und Haare vom Leib rissen, wie die Gliedmaßen aus dem Leib heraus.

Und Ungarn vielleicht noch, wenn auch weniger der Kunst, als der behaupteten These wegen: „The viewers practise of identity-making: of conforming or subjection to, of identification with or identifying as.” Eine radikale Umdeutung: Subjektwerdung als Zuschreibung. Und als Zurichtung, wie bei Natalie Djursberg. Als melancholisches Abbild einer Sozialstruktur wie bei Luiz Braga.

Weil Kunst, bei aller Deutung, bei allem Be-Denken, bei aller Interpretation, ein anderes Bewusstsein, ein vorsprachliches, empfindsames Wissen von dem bewahren kann, was uns fehlt, können wir uns also 2009 mit Soran Todorovic ein wärmendes Filz aus Menschenhaar vorstellen, das zur Ware wird, ohne dass es uns kalt den Rücken hinunterläuft?

Das fehlt dieser Biennale „Fare Mondi“ („Weltenmachen“) in den Gardini ebenso, wie ihrer Vorgängerin: Der Überschuss an ästhetischer Erfahrung, der es uns erlaubt, eine Erfahrung mit uns, dem Gegenüber und in dieser Welt zu machen, die ohne genau diese Kunst nicht möglich wäre. Und so bleibt eine Melancholie zurück, die an den ersten Besuch dort, vor 16 Jahren erinnert. Damals war es die 1951 geborene, in Karlsruhe lebende australische Künstlerin Jenny Watson, die etwas von dem aufscheinen ließ, das sein könnte.

Biennale 2009

Bericht im Kunstforum international

Jenny Watson in der roslyn oxley9 gallery