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…so überschrieb die SZ in der Ausgabe Nr. 175 vom 1./2. August 2009 ihr „Forum“ zum Thema Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare. Und weiter: „Als Bezugspersonen sind Mutter und Vater wichtig, deshalb sollen homosexuelle Paare kein Recht auf Adoption erhalten“.

Abgesehen davon, dass zum Alltag der Bundesrepublik Deutschland auch lesbische und schwule Paare mit Kindern gehören – ebenso übrigens wie Kinder, die ohne Vater oder ohne Mutter erwachsen werden, deutet der an erster Stelle angeführte Leserbrief von Dr. Christian Spaemann aus Braunau/Inn an, welche Diskussion denn noch geführt wird: die zwischen Psychotherapie als moderner Wissenschaft und Religion in einer –um einen Ausspruch Jürgen Habermas‘ aufzunehmen- „post-säkularen Gesellschaft“. Auf Habermas zurück übrigens geht auch das Diktum, nachdem Betroffenheit Kompetenz bedeute. Es sei also eine Antwort erlaubt, die ich als homosexueller Mann und Pädagoge/systemischer Familienberater formuliere.

Worum aber geht es im einzelnen? Spaemann, Sohn des 1936 zum katholischen Glauben konvertierten Philosophen Robert Spaemann, argumentiert als Psychiater und Psychotherapeut, ist er doch Leiter der „Klinik für psychische Gesundheit“ in Braunau am Inn. Er argumentiert weiter mit der „fundamentale(n) Bedeutung der Beziehung zu Vater und Mutter in der so genannten Triangulierung für die Identitätsbildung des Menschen“. Sein auf „Forschung im Bereich der Entwicklungspsychologie“ gestütztes Fazit lautet denn auch, dass das Kindeswohl hintangestellt würde, wenn es um Rechte einer Minderheit ginge.

Spaemann, allerdings, spricht nicht über den kulturellen Rahmen, den er andernorts für seine Stellungnahmen wählt, so ist er z. B. Beirat des „Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft“, getragen von der „Offensive Junger Christen“, einer evangelikalen Kommunität.
Auch wenn er das Thema Identitätsentwicklung und sexuelle Orientierung in den Blick nimmt, wird deutlich, auf welcher Grundlage Spaemann sich dem nähert: Behauptet wird abermals die Instabilität homosexueller Beziehungen, die Korrelation von psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Angstzuständen mit homosexueller Geschlechtsidentität. Zudem verengt Spaemann Sexualität allein auf den Zeugungsaspekt. (Vgl. http://ojc.de/spaemann-christival.html Stand: 04.08.2009) Sein Kriterium für eine Therapie der „Auseinandersetzung der Betroffenen mit ihrer geschlechtlichen Identität“ (ebd.) begründet er im „subjektiven Leid von Menschen“ und stellt sie unter den Anspruch „ethisch einwandfreier Therapieangebote“ (ebd.).

Wir erinnern uns: therapeina ist im Alt-Griechischen die Dienstmagd; etymologisch leitet sich der Begriff „Therapie“ davon ab, auch deshalb, weil die Wurzel des Wortes jenen Schemel bezeichnet, auf dem die Magd ihren Platz findet. Die Sprache deutet in der Therapie ein Herrschaftsverhältnis um und macht die Ratsuchenden zu den Expertinnen und Experten der je eigenen existenziellen Angelegenheiten: unten, nämlich, sitzen die Therapeut/innen.

Wissenschaftlich wurde Homosexualität zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich bewertet. Der Begriff der „Homosexualität“ jedoch ist eine Zusammensetzung aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Homosexualität wurde also genau dann gesellschaftlich bedeutsam, als sich das Ideal der bürgerlichen Ehe und Familie entwickelte – mit den spezifischen Vorstellungen über die Geschlechtsrollen von Männern und Frauen, mit den spezifischen Vorstellungen über Beziehung, Liebe und Sexualität, mit den spezifischen Vorstellungen der Trennung des häuslichen Bereichs vom dem der außerhalb des Hauses liegenden Sphäre der Erwerbsarbeit. Erst in der Folge dieses vorherrschenden Modells konnte Sigmund Freud sein Modell der Psychoanalyse entwickeln. Wenn also Psychiatrie und Psychotherapie sich dem Gegenstand Homosexualität oder konkreten Lesben und Schwulen zuwenden, dann müssen auch sie Auskunft geben über ihr Erkenntnis leitendes Interesse. Denn bereits 1992 hat die Weltgesundheitsorganisation nach dem neuesten Stand der Forschung entschieden, dass Homosexualität keine psychische Störung sein kann. Die Bundesärztekammer folgte dem vor elf Jahren, 1998.

In seiner Argumentation als Psychiater folgt Spaemann einem US-amerikanischen Kollegen, Joseph Nicolosi, der Präsident der „National Association for Research an Therapy of Homosexuality“ ist, einer Vereinigung also, die als Ziel die Therapie von Homosexualität im Namen führt.
Kurzgefasst gehört Nicolosi einer Schule an, die Homosexualität unter dem Blickwinkel einer „ichdystonen Störung“ therapiert. Er unterstellt einer psychosexuellen Entwicklung zur Homosexualität bei Männern, von lesbischen Frauen ist nicht die Rede, einen, wie er es nennt, „reparativen Antrieb“. Ohne sich also mit der differenzierteren Sichtweise der Psychoanalytiker Freud und vor allem Morgenthaler auseinanderzusetzen, führt er gestützt auf den aktuellen International Codex of Disease (ICD-10) Homosexualität als psychische Erkrankung wieder ein – entgegen der in Deutschland gültigen Leitlinien für Kinder- und Jugendpsychiatrie: „Bei der ich-dystonen Sexualorientierung ist die sexuelle Ausrichtung klar, aber die Betroffenen wünschen, es wäre anders“. (Vgl. http://uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/028-014.htm Stand: 07.08.2009) Dazu heißt es weiter, daß der häufig auftretende Leidensdruck durch eine Befürchtung vor Ablehnung durch die Familie/Gesellschaft entstehe und die homosexuelle Orientierung selbst nicht als Störung anzusehen sei- nicht Leidensdruck aufgrund der Homosexualität, sondern aufgrund einer internalisierten Homophobie. In der Therapie „(…)ist die Beratung der Eltern und/oder Bezugspersonen bei einer vom Jugendlichen konflikthaft erlebten homosexuellen Orientierung (vorrangig)“.

Diese systemische Sichtweise, die nicht den Homosexuellen allein als therapiebedürftig beschreibt, ermöglicht zugleich einen Zugang, der die beiderseitigen konstitutiven Elemente von Hetero- und Homosexualität in den Blick nimmt. Auch wenn Nicolosi die Familiendynamik anführt, (Homosexualität als Verleugnung männlicher Bestrebungen aufgrund von Scham, die wiederum Folge einer Ablehnung durch die Eltern sei), kann er nicht klären, ob er deskriptiv oder eben doch normativ argumentiert, wenn er ausgeht von einer „biologisch verankerte(n) Notwendigkeit, ein authentischer, unabhängiger Junge“ zu werden.  (Vgl. http://www.ojc.de/pdf/bulletin_12_06_nicolosi.pdf, S.22, Stand: 04.08.2009) Nur unter einem normativen Anspruch, der verschleiert wird, sind Aussagen zu verstehen wie: „Oder jemand sucht Sex an einem halböffentlichen Ort wie beispielsweise in einer öffentlichen Toilette oder einem Park, wo er es riskiert, von anderen gesehen zu werden.“ (ebd., S. 18) Eine systemische Sichtweise, die deutlich machen kann, dass Homosexualität die Kehrseite des heterosexuellen Verständnisses von Geschlechtsrollen im Rahmen des vor 250 Jahren begründeten Modells der bürgerlichen Familie darstellt, kann nun die vielfältigen Bedeutungen von Sexualität und ihrer Praxis in den Blick nehmen, egal, ob es sich um eine homo- oder heterosexuelle Objektwahl handelt. Die Aufgabe, in der Adoleszenz die neuen, aktiven und sexuellen Anteile in die Person zu integrieren, stellt sich allen Menschen, die in unserem Kulturkreis eine soziale und personale Identität entwickeln, und zwar in der Balance von Verhaltenserwartungen von außen und der eigenen Antwort darauf: In der Regel erwarten Eltern von ihren Kindern eben keine homosexuelle Objektwahl. Sexualität beinhaltet immer die Möglichkeit „des Anderen“ zur Vernunft und folgt damit bisweilen Antrieben, die sich dem Zugriff des Verstandes entziehen. Insgesamt kann die Argumentation Nicolosis einseitig biologistisch genannt werden, gerade dann, wenn er „Homosexualität“ und „keine Homosexualität“ in eine Reihe stellt mit „falschem Selbst“/“fühlt sich unmännlich“ und „wahrem Selbst“/fühlt sich männlich“. Er folgt damit dem Modell der Moderne, das Rationalität trennt von Emotionalität, aktiv von passiv, männlich von weiblich – einem Modell, das in die Psychiatrisierung gesellschaftlicher Abweichungen geführt hat.

Jede Psychotherapie, die sich an Lesben und Schwule richtet, muss also im fachlichen Austausch Auskunft geben können über das eigene Erkenntnisinteresse und über die wissenschaftlichen Grundlagen von Diagnostik und Therapie. Hier gilt hinsichtlich Homosexualität, was die Ärztekammer Westfalen-Lippe betont: Es gelten die Vorgaben des ICD-10, und Psychotherapeut/innen, die abweichen von geltenden Standards, müssen von ihren Klient/innen vor der Therapie ausdrücklich die Erlaubnis einholen, auch Behandlungen durchführen zu können, die nicht der Schulmeinung entsprechen.
Die entwicklungspsychologische Forschung hat es bisher versäumt, sich der Identitätsentwicklung von (jungen) Lesben und Schwulen zu widmen – von einzelnen Veröffentlichungen abgesehen. Die pädagogische und psychologische Diskussion steht, ebenso wie die gesellschaftliche Diskussion, unter dem Anspruch, verantwortet Stellung zu beziehen dazu, ob wir in einem Umfeld leben wollen, in dem Homosexualität ebenso wie Heterosexualität als „originäre Verhaltensweise“ (vgl Spaemann, in: http://www.kath.net/detail.php?id=20708 Stand: 04.08.2009) aufgefasst werden kann, als eine soziale und kulturelle Tatsache, die für unsere Gesellschaft insgesamt mehr Vielfalt und mehr Akzeptanz bedeutet. Und: Die politische Ordnung der bundesrepublikanischen Gesellschaft erwartet zu Recht von ihren Bürger/innen, die einem religiösen Bekenntnis folgen, die Spannung zwischen säkularer Gesellschaft und Religion (aus-) zu halten und damit gewaltlos umzugehen: aufmerksam und anerkennend.

Forum der Süddeutschen Zeitung vom 1./2. August 2009 (Stand: 07.08.2009)

Stellungnahme des VLSP zu sog. Konversionstherapien