Dieses Land trägt eine Wunde
(Rede anlässlich der Eröffnung der Ausstellung “Homosexuellen-Verfolgung in Hamburg 1919-1969 ergänzt mit Beispielen aus dem Ruhrgebiet” am 25. August 2009 in Bochum)
Dieses Land trägt eine Wunde. Noch immer. Auch heute noch, am 25. August 2009 - 138 Jahre nachdem 1871 von allen deutschen Staaten der §175 übernommen wurde, der, so hieß es damals, die „widernatürliche Unzucht, welche von Personen männlichen Geschlechts (…) begangen wird“, bestrafte, 74 Jahre, nachdem 1935 die Nationalsozialisten eben jenen Paragrafen verschärft hatten und jedwede sexuelle Handlung zwischen Männern unter Strafe stellten und Lesben und Schwule verfolgt, verhaftet und ermordet wurden, 63 Jahre, nachdem 1946 der Alliierte Kontrollrat eine Neufassung des Strafgesetzbuches vorsah und damit eine Rücknahme der nationalsozialistischen Verschärfungen des §175, die jedoch nicht in Kraft gesetzt wurde, 52 Jahre, nachdem das Bundesverfassungsgericht 1957 zwei Beschwerden von nach §175 verurteilten Männern ablehnte, 40 Jahre, nachdem 1969 der Bundestag das erste Gesetz zur Reform des Strafrechtes verabschiedete – damit wurde das einzige während der NS-Zeit verschärfte Gesetz, das noch 24 Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs gültig war, reformiert, und 15 Jahre, nachdem 1994 erst im Zuge der Wiedervereinigung der §175 gänzlich gestrichen wurde.
Heute erinnern wir uns. Uns selbst und einander. Wir blicken zurück: 138 Jahre, das sind zwei Menschenleben lang – 74 Jahre, das sind „nur“ drei Generationen. Und erst wer heute als schwuler Jugendlicher erwachsen wird, wird dies ohne den Vorbehalt des §175. Wollen wir die Geschichte der deutschen Gesellschaft so lesen: als eine Geschichte der Verfolgung von Schwulen und Lesben? Oder: Können wir die Geschichte so lesen: als das Ringen um mehr Demokratie, deren Wert sich immer daran misst, wie eine Gesellschaft zu ihren Minderheiten steht?
Wie erinnern wir uns? Wie sprechen wir darüber, dass Menschen, sich dafür entschieden haben und sich noch immer dafür entscheiden, uns Gewalt anzutun, weil wir als Männer Männer und als Frauen Frauen lieben, weil wir mit einer Behinderung diese Welt erfahren, weil wir hierher, wo wir leben, als Fremde gekommen sind, weil wir politisch anders denken, weil wir einen anderen Glauben haben…?
Ich erinnere mich auch an ein Verbot, darüber zu sprechen. Als ich noch ein Kind war und in Berlin lebte, führte uns der Weg über den Wittenbergplatz. Dort steht ein großes Schild, orangefarbene Buchstaben auf schwarzem Grund – viel, viel später erst erfuhr ich, dass dies die Namen der Orte sind, an denen Menschen während der zwölf Jahre nationalsozialistischer Gewaltherrschaft totgeschlagen, ermordet und umgebracht wurden.
„Was man so braucht…
Man braucht nur eine Insel
allein im weiten Meer.
Man braucht nur einen Menschen,
den aber braucht man sehr.“
Das dichtete Mascha Kaléko, die 1938 als Jüdin vertrieben wurde aus Berlin. „Man braucht nur einen Menschen…“ – einen Menschen, der erinnert, der erzählt, der beim Namen nennt: gegen das Vergessen.
„Homosexuellen-Verfolgung in Hamburg von 1919 bis 1969“: Die Recherche dreier Männer, Bernhard Rosenkranz, Ulf Bollmann und Gottfried Lorenz und vieler Helferinnen und Unterstützer haben zu mehreren Publikationen, zur Verlegung von 175 Stolpersteinen allein für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus in Hamburg und zu dieser Ausstellung geführt, die heute Abend, hier, in Bochum eröffnet wird. Stolpersteine, erzählen Geschichten, vom Leben, von Verfolgung und vom Tod. Sie liegen dort unten, auf der Straße. Und sie fordern von uns nur eine kleine Geste: herab, nach unten, dort, wo das Leben zugrunde liegt.
In Bochum ist diese Ausstellung der Beginn für etwas, was noch kommen kann: Drei Tafeln erzählen die Geschichte schwuler Männer aus Bochum. In den vergangenen Jahren wurden zwei Stolpersteine für homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus in Bochum verlegt. Hubert Schneider, Susanne Schmidt und Jürgen Wenke haben mit „Leben im Abseits“ die Lebensgeschichten von Agnes und Wilhelm Hünnebeck recherchiert. Sie erzählen in ihrem Buch und in einer Tafel in dieser Ausstellung davon, wie ein gesellschaftlich etablierter Rechtsanwalt als Halbjude und schwuler Mann verfolgt wird. Wilhelm Hünnebeck hat den Terror des Nationalsozialismus physisch zwar überlebt – die seelischen Wunden sind nie verheilt, bis zu seinem Tod in Hamburg, 1976, nicht.
1941 wurde Wilhelm Hünnebeck die Doktorwürde aberkannt: Wie also haben die Offiziere der 4. Kompagnie des Bochumer Bürger-Schützen-Vereins darüber gesprochen, zu denen Hünnebeck Ende der Zwanzigerjahre noch gehörte? Wie haben diejenigen, die mit ihm studiert haben, darüber gesprochen? Wie die Anwaltskollegen in Bochum? Wie die Nachbarn? Die Menschen, die Wilhelm Hünnebeck persönlich kannten? Wir wissen es nicht: „Man braucht nur eine Insel, allein im weiten Meer…“ – „nur“!
Und heute? Betrand Delanoë und Klaus Wowereit sprechen als Bürgermeister europäischer Hauptstädte davon, dass sie schwul sind. 2001 wurde das „Gesetz über die Eingetragene Lebenspartnerschaft“ ausgefertigt, 2006 das „Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz“. Wir sehen Maren Kroymann, Ulrike Folkerts und Anne Will selbstverständlich in unseren Fernsehprogrammen. In Bochum sind Lesben und Schwule willkommen – ein deutliches Zeichen war in diesem Sommer die Beflaggung des Rathauses mit dem Regenbogen-Banner.
Sind wir toleranter geworden? Ist es selbstverständlicher geworden, heute selbstbewusst lesbisch oder schwul zu werden?
Unsere Erfahrung als Menschen, die Menschen begleiten auf dem nicht immer einfachen Weg des Coming-out, der auch immer ein Weg des Abbaus von Vorurteilen bei Freundinnen und Freunden, Eltern, Lehrerinnen und Lehrern ist, zeigt uns etwas anderes: Offenbar ist es noch immer schwer, selbstverständlich Toleranz zu leben mit Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender. Offenbar ist es noch immer schwer, ganz selbstverständlich die Akzeptanz von Homosexuellen als Bereicherung für unsere Gesellschaft zu erleben. Offenbar ist es noch immer so leicht, das alte Vorurteil der längst widerlegten These von der „Verführung Minderjähriger“ zu gebrauchen.
Denn: Wie sonst könnten wir uns die Ablehnung erklären, die wir auf unser bundesweit einmaliges Projekt „Jugendinfomobil“ oder auf das Projekt „Schule der Vielfalt – Schule ohne Homophobie“ erhalten haben?
Wenn wir uns selbst und einander erinnern, können wir auch davon sprechen, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Mit Pier Paolo Pasolini, dem schwulen Dichter, Regisseur, Essayisten, der sich Zeit seines Lebens gegen Faschismus eingesetzt hat, möchte ich sagen: „Ich bitte euch um maximale Bereitschaft zur Demokratie“!
Bis zum 6. November begleitet eine Kulturreihe in Kooperation mit der Stadt Bochum, der VHS, dem endstation.kino und dem Kommunalen Kino diese Ausstellung: mit einer zweiten Ausstellung in den Räumen der Rosa Strippe zur Verfolgung von Lesben im Nationalsozialismus, mit Mitmachaktionen, wie das Putzen der Stolpersteine am kommenden Freitag, mit Vorträgen, mit Filmen, mit den Porträts von Verfolgten, mit Stadtrundgängen. Zu all diesen Veranstaltungen sind Sie herzlich eingeladen. Das Programm können Sie heute von hier mitnehmen. Und heute kann auch Ihre Unterstützung beginnen, die wir brauchen, um die Lebensgeschichten von Bochumern zu erzählen, die im Nationalsozialismus Opfer von Verfolgung geworden sind.
Und unser Dank gilt allen, die in den letzten Wochen, Monaten und Jahren diese Ausstellung möglich gemacht haben: mit ihrem Engagement und ihrem persönlichen Einsatz gegen das Vergessen.
Uns allen wünsche ich den Mut, uns zu erinnern –denn: Uns kommt nur das Erzählen bei!
Vielen Dank!