Neu gelesen – Gianni Vattimo: Glauben – Philosophieren
Anläßlich des 80. Geburtstages von Jürgen Habermas am 18. Juni 2009 geriet noch einmal das Verhältnis von Glaube und Wissen, von Vernunft in Religion in modernen Gesellschaften in den Mittelpunkt des Interesses
So schrieb Alexander Kissler in seinem Aufsatz „Das verfehlte Leben und eine Zumutung, die retten kann“ (Süddeutsche Zeitung Nr. 137, 18. Juni 2009, S. 13) in Bezug auf den italienischen Philosophen Vattimo: „Hart ins Gericht geht Habermas mit Gianni Vattimos ‚postmodern aufgeweichtem Christentum‘“. Wie also schreibt Vattimo selbst über Religion?
In „Glauben – Philosophieren“, das 1997 auf Deutsch und ein Jahr zuvor im italienischen Original unter dem Titel „Credere di credere“ („Glauben zu glauben“) erschienen ist, konstatiert Vattimo „ein Wiedererwachen des religiösen Interesses“. Für ihn selbst -und hier wiederholt Vattimo an mehreren Stellen seines Essays, dass es um ein „Sprechen in der ersten Person“, um eine „‘persönliche‘, engagierte Schreibweise“ (S. 7) geht-, ist das auch „eine Wiederaufnahme einer Erfahrung“ (S. 8). Religion ist Beziehung: „zum Heiligen, zu Gott, zu den letzten Gründen der Existenz“ (ebd.). Hier würde wohl auch Habermas zustimmen, Religion hat es mit existenziell relevanten Fragen zu tun.
In mehreren Kapiteln entwickelt Vattimo seine Hauptthese, nach der „‘Säkularisierung‘ als konstitutives Merkmal einer authentischen religiösen Erfahrung“ (S. 9) anzusehen sei. Zunächst nimmt er einen Gedankengang auf, der Diesseits und Jenseits, Wirklichkeit und Möglichkeit –im Rückgriff auf Kant- in ein Verhältnis setzt: „Man muss vernünftigerweise hoffen können, dass das Gute (und d. h. die Vereinigung von Tugend und Glück) in einer anderen Welt Wirklichkeit wird, wenn dies in dieser Welt offensichtlich nicht geschieht.“ (S.11) Dass die Moderne -mit ihrem objektivierenden und zurichtenden Vernunftgebrauch- sich abarbeitet an Gewalt und Herrschaftsverhältnissen, zeigt uns die kritische Theorie auf, in deren Tradition Habermas steht. Offenbar können Menschen in der Religion eine Möglichkeit wählen, diese Verhältnisse zu transzendieren, so Vattimo, als „Negation alles dessen (…), was wir für vernünftig und gut halten“. (S. 14f.) Vattimo jedoch geht einen anderen Weg.
Mit Bezug auf Nietzsche und vor allem Heidegger spricht er von einem „Ende der Metaphysik“ (S. 21): Sein und Wirklichkeit haben sich entlarvt als Setzung und Produkt des Menschen selbst, darin besteht der „Nihilismus“ als Ergebnis der Rekonstruktion der abendländischen Kulturgeschichte. Vattimo spricht dann von einer „nihilistischen Wiederentdeckung des Christentums“ (S. 27), weil er zum einen Heideggers Denken als „schwache Ontologie“ (S. 29) interpretiert, in der das Sein sich einem objektivierenden Begriff entzieht und weil er zum anderen darlegt, dass sich diese Interpretation der „Schwächung der starken Strukturen wie ein roter Faden durch die Seinsgeschichte zieht“ und nichts anderes sei, „als die Transkription der christlichen Lehre von der Menschwerdung des Gottessohnes“ (ebd.). Von der Seite der Theologie aus gesprochen begründet die Menschwerdung Gottes in Jesus ein neues, christliches Gottesbild, als Abschied von einem gewalttätigen Gott der Metaphysik. Von der Seite der (Religions-)Philosophie gesprochen klingt das dann bei Vattimo so: „Die Menschwerdung, d. h. die Herablassung Gottes auf die Ebene des Menschen, das, was das Neue Testament die kenosis Gottes nennt, ist dann als Zeichen dafür zu interpretieren, dass der nicht-gewaltsame und nicht-absolute Gott der postmetaphysischen Epoche dadurch gekennzeichnet ist, zur selben Schwächung, von der die von Heidegger inspirierte Philosophie spricht, bestimmt zu sein.“ (S. 34) Erst so kann die Säkularisierung im Sinne einer „Schwächung“ (oder besser: Ent-Mächtigung) als dem Christentum inhärent angesehen werden.
Der Philosoph Vattimo, bringt nicht nur seine eigene Lebensgeschichte als ein der katholischen Tradition Erwachsener und als homosexueller Mann ins Spiel – er bringt einen nicht länger allmächtigen, geheimnisvollen, unverständlichen, transzendenten, sondern nur dem Liebesgebot verpflichteten christlichen Gott ins Spiel, wenn es um die Wiederkehr der Religion geht. Erst von hier aus kann er nun den Blick auf eine Ethik werfen, die sich –und knüpft unausgesprochen an Habermas an- „im Dialog mit den anderen zu bewähren“ habe (S.42). Eine Ethik, die um die Geschichte des Subjektes und seiner Bedrohung weiß. (I.S.v.: Was der Erkenntnis zu Grunde liegt, kann auch buchstäblich zu Grunde liegen.)
So kann Vattimo nun die Geschichtlichkeit des Glaubens herausarbeiten und Glaubens- und Gemeindepraxis differenzieren von Kirche. Als Philosoph besteht er noch immer vom Vernunftstandpunkt aus auf eine „Entmythologisierung des Christentums“ (S. 61). Anders als Habermas („Christentum in einer post-säkularen Gesellschaft“) spricht Vattimo von „moderner Religiosität“ (S. 63), in der kenosis zum „kritischen Prinzip“ (S. 66) wird, das seinen Ausdruck in der caritas findet, die mit dem Nächsten in Beziehung setzt und die keine Letztgültigkeit im Sinne eines erneuten metaphysischen Prinzips haben kann (vgl. S. 69). Hier wäre also sehr genau zu untersuchen, ob das von Vattimo angeführte „Liebesgebot“ nicht doch quasi von außen an Verständigung herangetragen wird. Doch Vattimos „Lösung“ ist nicht die, dass angesichts von Gewalt und Herrschaftsverhältnissen, angesichts unserer Alltagserfahrungen nun christlicher Glaube und caritas abermals als „das andere“ und als Glaube an einen metaphysischen Gott erneut der Vernunft und der Geschichtlichkeit entgegengesetzt werden: „Ist aber die Unbegreiflichkeit Gottes nicht gerade wieder ein Restbestand der gewalttätigen Vorurteile der natürlichen Religion, eben derjenigen, von der Jesus uns befreien wollte?“ (S. 102) Vattimo kann Diesseits und Jenseits, „Böses“ und „Heil“ gerade deshalb in ein neues Verhältnis setzen, weil kenosis nicht aus der „Wirklichkeit“ hinausführt, sondern mitten hinein.
Vattimos philosophischer Ansatz, der zugleich biographische Selbstauskunft ist, besteht in Folge der „Auflösung metaphysischer Vernunft“ (S. 106) auf das, was nicht in Rationalität übersetzbar ist. „Ich antwortete, ich glaubte, dass ich glaube“ (S. 76) wird für Vattimo auch zur „Apologie des Halbgläubigen“ (S. 75) – hier mag die o.g. Kritik Habermas ansetzten, der in seiner Argumentation der kritischen Theorie verpflichtet bleibt und dem in seiner Auseinandersetzung mit der Konstitution der modernen und dann „post-säkularen“ Gesellschaft Vattimos „persönliche“ –und damit auch religiöse- Schreibweise als wenig anschlußfähig erscheinen mag. Es bleibt denn auch die Frage nach dem „religiösen Habitus“ unter der Voraussetzung eines auf kenosis bezogenen „schwachen Glaubens“: Wenn Glaube und öffentliche Praxis ins Verhältnis gesetzt werden und Stellung beziehen für oder gegen die Verfaßtheit der christlichen Kirchen unter den Vorzeichen von Moderne und Säkularisierung.
Vattimo: Gianni:
Glauben – Philosophieren.
(Titel der italienischen Originalausgabe: Gianni Vattimo: Credere di credere.)
Suttgart [Reclam] 1997
Anmerkungen
Indem Vattimo für die Religion in und nach der Moderne das Kriterium der kenosis einfordert, gelingt es ihm, christliche Religion und christlichen Glauben neu zu formulieren. Das genau ist sein Verdienst und sein Beitrag in der aktuellen religionsphilosophischen Diskussion. Sein Ansatz ist in der Hinsicht als radikal zu bezeichnen, als dass er einen Ausgang findet aus einer metaphysischen Begründung der Religion. Seine auf Heidegger zurückgehende „schwache Ontologie“ bedeutet das Ende der Vorstellung eines allmächtigen und damit metaphysischen Gottesbildes. Demzufolge können auch Glaubensinhalte und Glaubenspaxis nicht anders, als sich zu verändern. Erst das hat dann Auswirkungen auf die Verfaßtheit der christlichen Kirchen. kenosis wird nicht anders zu lesen sein, als antidogmatisch, antihierarchisch und ethisch. Die Frage, die noch zu diskutieren wäre ist die: Ist genau das Ausdruck eines, wie man in Folge Vattimos sagen könnte, „schwachen Glaubens“? Und wie verhält sich dazu dann das zu beobachtende Phänomen der Inanspruchnahme von religiösen „Dienstleistungen“ der christlichen Kirchen bei gleichzeitiger Ferne z.B. zu Aussagen der katholischen Kirche „ex kathedra“ oder zur Sexualmoral? Hier kann auch noch einmal sehr deutlich der Zugang aus katholischer Tradition vom Zugang aus evangelischer Tradition differenziert werden.
Habermas bezieht sich im angeführten Zitat nur indirekt auf Vattimo, mit einem Umweg über Richard Rorty und Dewey. Rorty sei es, der sich „(…) auch in Widerspruch zu seinen Zugeständnissen an Vattimos postmodern aufgeweichtes Christentum (setzt). Diese Art von ‚lauwarmer‘ Religion, die sich in psychologischen Impulsen zum mitleidensfähigen Verhalten auflöst und jeden kognitiven Stachel verliert, wird in der Welt nichts mehr bewegen. Eine solche Religion ist auch für die Reproduktion jener ‚unbegründbaren Hoffnung‘, die auf eine Veränderung der öffentlichen Zustände abzielt, irrelevant – obwohl sie doch nur um dieses Zieles willen toleriert werden soll.“ (Habermas, Jürgen: Replik auf Einwände, Reaktionen auf Anregungen., S.392, in: Glauben und Wissen. Ein Symposium mit Jürgen Habermas. Hrsg. v. Rudolf Langenthaler und Herta Nagl-Docketal. Wien, 2007, S. 366-414)
Damit spricht Habermas Vattimo den kenotischen Stachel ab, der ja gerade in der Ablösung metaphysischer Gottesbilder und Glaubensvorstellungen auf Ethik und damit Politik als öffentlichem Handeln zielt. Vattimo nur eine „psychologische Wendung“ der Religion zuzuschreiben geht fehl an der Stelle, an der Vattimo ja gerade eine Selbstreflexion von Religion und Vernunft in, bzw. nach der Moderne unter den Vorzeichen seiner auf Heidegger zurückgehenden „schwachen Ontologie“ einfordert.
Wertvolle Hinweise für diese Anmerkungen verdanke ich Christoph Fleischer.