Zur Rezension: Europas Angst vor der Religion
Christoph Fleischer legt auf seiner Homepage “Der schwache Glaube “, auch anläßlich des 80. Geburtstags von Jürgen Habermas, eine Rezension zu José Casanova, Europas Angst vor der Religion, vor. (Berlin, 2009).
An dieser Stelle seien einige Anmerkungen zum Thema erlaubt. Offenbar: Menschen wollen glauben können – hier und jetzt. Religiös zu sein, sich spirituell zu erleben, Agnostiker zu werden oder sich selbst als atheistisch zu bezeichnen – jede und jeder von uns kennt einen Menschen, der auf die letzten Fragen die eine oder andere begründete Antwort wählt, die der eigenen Biografie eingeschrieben ist.
Christoph Fleischer beginnt seine erhellende Rezension mit einem Zitat einer Rede über das nachsäkulare Europa: „Es gibt keinen Automatismus, der in die Säkularität führt. Alles ist möglich.“ Das könnte, genauer betrachtet, als eine Kritik an Vattimos kenosis-These gelesen werden, die im Anschluss an Paulus eine Entäußerung vom göttlichen Wesen beschreibt, eine „Schwächung“, die als Ent-Mächtigung gar nicht halt machen kann vor der durch die christliche Kirche repräsentierten Religion. Denn: Religion ist die Voraussetzung von Säkularität. Und ist eine Geschichte der auf Jesus Christus gründenden Religion denkbar, die nicht in Säkularität mündet?
Wenn also Casanova von einer „Wiederkehr der Religion spricht“, dann müsste genau beschrieben werden, ob hier von einer vorsäkularen Religion gesprochen wird oder von einer Religion, die sich an der Säkularität abarbeitet. Denkbar wäre allerdings auch ein Drittes: nicht eine Wiederkehr der Religion, sondern eine Umwendung der Religion, die über Säkularität hinausgeht, ohne jedoch den durch die Dialektik der Aufklärung entlarvten Fortschrittsgedanken der Moderne auf sich selbst anzuwenden.
Folgt man der aufgezeigten Argumentation Casanovas, dann drängt sich der Gedanke auf, Religion sei eine anthropologische Gegebenheit, was in einige Argumentationsnöte führt, wenn Bedingtes und Unbedingtes, Verfügbares und Unverfügbares, „Heiliges“ und Weltliches in ein Verhältnis gesetzt werden.
Wenn unter Religion die „Transformation des Selbst verstanden (wird) unter der Voraussetzung einer transzendenten Norm“, dann hat diese transzendente Norm einen Rahmen, in dem sie gilt. Die Durchsetzung dieser Norm (die sich verändern kann?) wird positiv oder negativ sanktioniert. Ein Gedankenspiel: „Unter Moderne wird die Transformation des Selbst verstanden unter der Voraussetzung einer immanenten Norm.“ Die Regeln der Durchsetzung der Norm sind dann formal gleich, ob es sich um Religion oder Säkularität handelt.
Offenbar: Menschen brauchen Orte, an denen sie Erlebnisse machen können, die nicht ohne weitere aufgehen in Alltagssprache. “Zeige Deine Wunde” – diese Installation des Künstlers Joseph Beuys aus den Jahren 1974/75 weist darauf hin. Es ist das Wissen um die leidvollen Erfahrungen des Menschen, der bisher weder durch Erlösung, noch durch Emanzipation entlastet wurde.

