22nd Jun2009

Schwäche zeigen

by admin

Schwäche zeigen – als Problem und Lösung, Markus Chmielorz und Christoph Fleischer. Dortmund und Werl 2009. Stärke und Schwäche, Auf tiefen Wunden wachsen große Flügel, Rezension zu Publik-Forum Extra, Magazin für Spiritualität und Lebenskunst Heft 3, 2009

Als dritte Extra-Ausgabe legt das „Publik-Forum – Magazin für Spiritualität und Lebenskunst” im Mai ein Heft mit dem Titel „Stärke und Schwäche – Aus tiefen Wunden wachsen große Flügel” vor. Was Schwäche jedoch genau bedeutet, möge sich aus dem Kaleidoskop der Texte dieses Heftes erschließen.
Klaus Hofmeister fragt in seinem Vorwort: „Was ist stark? Was ist schwach?” Und konstatiert zugleich, was für unsere -bürgerliche- Gesellschaft in genau dieser christlich-jüdischen Tradition unseres Abendlandes gilt: „Alle wollen stark sein – niemand möchte schwach sein.” Das Heft versammelt 16 Autorinnen und Autoren, die all die Themen beleuchten, die mal aus der je eigenen Alltagserfahrung, mal aus Vermittlung durch Medien präsent sind. Um es hier vorweg zu nehmen: Starke Zustimmung verspürt der Rezensent dort, wo Erfahrungen zur Sprache gebracht werden; Biografien, die davon sprechen, dass Leben und Erleben von Menschen eben nicht „gleich und grad” ist, sondern gebrochen. Damit eröffnet sich die Perspektive, die auf den Prozess schaut, der gerade im Umgang mit seinen „Schwächen” seine Stärke beweist. Und dennoch ist genau auch diese Aussage wieder eine, die eine neue Frage eröffnet: Was geschieht, wenn die Schwäche schlicht zur Stärke erklärt wird? Ist sie dann nicht immer noch ein Makel? Wäre es nicht ein wirklicher Fortschritt, Schwäche wie Stärke als das zu akzeptieren, was sie sind, Gestalten von reflektierter Erfahrung?

Corinna Tertel macht den Aufschlag und bringt den „muskulösen Körper als Ideal” auf den Schauplatz des „Body-Combat”. Sie stellt uns zwei Menschen mit unterschiedlicher Lebensgeschichte und Motivation vor, ohne jedoch das Grundthema auszuführen, wenn es um „Fitness”-Industrie oder „Body-Building” geht: Hier der Vorwurf der Ökonomisierung, dort Stärke als Ausdruck eines traditionellen Geschlechtsrollenstereotyps. Immerhin: Bodybuilding erscheint hier biographisch als die starke Lösung eines Problems, das mit Schwäche identifiziert wird. Mehr als ein Artikel fragt denn auch nach den Bedingungen der Möglichkeit, Mann(s) zu sein.
Christoph Quarch nimmt dabei Anleihen bei Herbert Grönemeyer und der populären Kultur der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, jedoch ohne die Dynamik der Geschlechterdifferenzierung so zu analysieren, dass deren Konstruktion, Diskursmacht und Wirkungsweisen ideologiekritisch entzaubert würden. Es bleibt bei einer beschreibenden Perspektivenübernahme: Jungen bestimmen die eigene Stärke aus der Übernahme des Blicks der Mädchen auf sie. Da klingt Heteronormativität durch, ohne weiter befragt zu werden. Bei Wilfried Vogelmann geht es unter dem Titel „Stehen, kämpfen, Kräfte spüren” um eine Reise zu den Quellen des Mannseins. Genauer: Es geht um Männer in der zweiten Hälfte ihres Lebens, um Fortschritt und ums Funktionieren und um den Verlust von Beziehung: Was kommt dann, wenn die Ehe nicht mehr „funktioniert”, scheitert? Von dieser Reise wird so erzählt: „Also begleiten wir Männer auf ihrer ‚Sehnsuche‘ und sprechen offen über Hoden, Penis und Phallus oder über die Verbindung von Hirn, Herz/Hand und Hoden.” Dies wirkt jedoch befremdlich, da es in mittelbarer Rede erfolgt. Es wirkt auch befremdlich, weil Männer dann Schwäche erleben, wenn ihre eigene Stärke umschlägt und sie zu Objekten des eigenen Handelns werden lässt. Und schließlich deshalb, weil unklar bleibt, ob Schwäche nun in ihr eigenes Recht gesetzt wird oder dazu dient, die alte Stärke nur zu bestätigen.
Wenn Michael Hollenbach jedoch über die Erfahrungen von Jungen, die erst noch Männer werden, in einem „Boxcamp” schreibt, dann wird deutlich, wie dieses Publik-Forum Extra von unmittelbaren Erfahrungen lebt, die authentisch von der Sehnsucht nach gelingender Beziehung sprechen. Dass es unter der Überschrift „Stärke und Schwäche” auch um Aggressionen und Gewalt geht, zeigt dieser Aufsatz, auch, dass menschliches Leben ohne Aggressionen nicht zu denken ist. Und wenn Kinder und Jugendliche in dieser Welt immer wieder die sie vernichtende Erfahrung der Stärke Erwachsener machen, lesen wir hier davon, wie die Spirale der Gewalt in der aufmerksamen Beziehung unterbrochen werden kann.
Susanne Wahler-Göbel schreibt von ihren Glaubenserfahrungen: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert” – das Matthäusevangelium ist ihr Ausgangspunkt, nicht nur den historischen Jesus, sondern auch sich selbst zu befragen: Können wir Jesus noch immer politisch lesen? Die Autorin deutet das Bild des Schwertes um, weil sie, die als Christin glaubt, eine eigene Erfahrung mit der japanischen Schwertkunst des Aikido gemacht hat, die sie gelehrt hat, die „richtige Haltung” zu üben. Auch Anselm Grün nähert sich von den Glaubenserfahrungen, wenn auch nicht von den eigenen, sondern von denen des Paulus, wenn es darum geht, „Gott in der Krankheit” zu erfahren. Krankheit und Verkündigung werden zusammen gedacht, Schwäche stiftet eine Erfahrung der Gemeinschaft mit Christus, dem Gekreuzigten. Auch Grün bleibt jedoch beim dualistischen Gegensatz von Stärke und Schwäche, wenn er schreibt: „Und Christi Herrlichkeit kann gerade durch die Schwäche (…) aufleuchten.” Es bleibt die Frage, angesichts der Erfahrung von Schwäche und Ohnmacht, die Grün beschreibt als ein „ganz und gar auf Gott” Geworfensein, ob da ein Gottesbild durchscheint, das einen starken Gott der Schwäche als das ganz Andere gegenüberstellt oder ob Gott genau in der Schwäche und an der Seite der Schwachen ist. „Wenn ich schwach bin, bin ich stark”, schreibt Paulus (2. Kor. 12,10) – offenbar sind Menschen zu solchen paradoxen Erfahrungen fähig, und manchmal sind diese Erfahrungen dann Glaubenserfahrungen. Sollte Gott jedoch die Schwäche des Menschen brauchen und ausnutzen, um sich in der Welt als stark zu zeigen?
Um Krankheit geht es auch in den beiden Aufsätzen von Manfred Stelzig und Agnes Lanfermann. Stelzig schaut auf die Schwachpunkte des Körpers – „Seele unter der Haut” nähert sich der Psychosomatik und deutet das Symptom als eine Aufforderung zur Stärkung. Eine entsprechende anthropologische Rahmung bleibt hier unausgesprochen: Wie verstehen wir menschheitsgeschichtlich und soziokulturell denn Stärke und Schwäche? Weshalb ist es für die einen gut, eine Lösung zu finden, die Stärke an Stelle von Schwäche setzt und weshalb finden andere eine Lösung, die nicht ändert, sondern Schwäche umdeutet? Lanfermann erzählt: „Aus tiefen Wunden wachsen große Flügel” – Geschichten von Leiderfahrungen, und nur das Erzählen kommt den Menschen hinter den Geschichten bei; die Wunden wollen gezeigt und verstanden werden und erzählen davon, es möge anders sein.
Aus der Perspektive der Persönlichkeitspsychologie deutet Thomas Saum-Aldehoff „Schwäche” nicht als Makel, sondern im Sinn von Resilienz, einer inneren Stärke der biographischen Prägung durch Schwäche. Hier wird Schwäche zwar als Lebenserfahrung bejaht, dennoch nur als Durchgangsstadium: Wer´s nicht schafft, bleibt Loser. Saum-Aldehoff hält dagegen und empfiehlt das Einrichten der Nische in Selbstakzeptanz von Stärken und Schwächen.
Inhaltlich daran anknüpfend kommt Rainer Dachselt eher zu einer Gegenposition. Ihm geht das Kokettieren mit Schwächen im Bewerbungsgespräch auf die Nerven, wenn dort geradezu unmögliche Fehler zu Schlüsselqualifikationen umgedeutet werden. Ihm ist Stärke lieber, auch wenn sie von vorgestern ist.
Fulbert Steffensky scheint einen Weg zu weisen, indem er gezielt eine Stärke beschreibt, die in der technokratischen Welt auf der Strecke bleibt, die Stärke, die darin besteht emotional zu sein und dazu auch zu stehen. Aber auch in seiner Position geht es darum um wahre, durch Erfahrung von Schwachheit geprägte Stärke, die die Perspektive vorgibt, wenn auch nun Eigenschaften als stark gesehen werden, die auch als Schwächen gelten mögen.
Dies gilt entsprechend für die feministische Theologie, die von ihrer Mitbegründerin Elisabeth Moltmann-Wendel vorgestellt wird („Orientierung am Wachsen des Lebens”), wie für die Gewaltfreiheit als Machtmittel der Friedensbewegung (Hartmut Meermann im Gespräch mit Reinhard Voss). Die Stärken der Friedensbewegung sind Geduld und Abkehr von der Gewaltdynamik, das aktive Zuhören und eine Verhandlungstechnik, die eher auf den Prozess sieht als auf das Ergebnis. Hier wird die vermeintliche Schwäche zur eigentlichen Stärke. Der Essay über starke Frauen von Elisabeth Moltmann-Wendel zeigt ebenfalls auf die Stärke, aber nicht, indem sie wie die erste Frauenbewegung auf Machtentfaltung setzt, sondern auf die Orientierung am Leben, aus der Anerkennung von Schwächen aber auch aus Selbstsicherheit und immer noch aus Zusammenhalt.
Um die Abwertung von Schwäche auf die Spitze zu treiben, reflektiert der Theologe Holger Schlageter menschliche Opferhaltungen. Was hier im Grund und treffend beobachtet ist, dass auch Menschen zu Selbstobjekten instrumentalisiert werden und eine indirekte Kommunikation Macht entfaltet, liegt doch das Ziel darin, die Schwäche einzugestehen und einen Neuanfang zu setzen, der den Teufelskreis von Opferhaltungen durchbricht.
Ganz anders dagegen der kurze Aufsatz von Doris Weber. Zwei Menschen lernen sich lieben, allerdings online im Chat. Trotz aller Widerstände kommt es zu einem persönlichen Treffen. Dass er im Rollstuhl sitzt, im Internet hat er es bewusst verschwiegen, konnte die Liebe nicht mehr erlöschen.
Zum Schluss will sich die Waage zwischen Schwäche und Stärke dann doch noch einpendeln. Luise Theiß berichtet über die Aussagen des I Ging, von Laotse. Nur der Daoismus, nicht das Christentum macht, so scheint es, ernst damit, in Stärken das Unterlegende und den Gesell des Todes und im Schwachsein den Siegenden und Gesell des Lebens zu sehen.
Zurück zur Ausgangsfrage: Was ist Schwäche? Lebenserfahrungen, denen sich Menschen zu stellen haben, Grenzerfahrungen und die Abkehr von Gewalt? Zu oft jedoch wird Schwäche und Schwachheit aus der Perspektive einer Art von Stärke gesehen. Die Umdeutung allerdings bestätigt den Dualismus und kann ihn nicht aufheben. Dass aus „tiefen Wunden Flügel wachsen” ist die ermutigende Seite dieser Abhandlungen, dass gesellschaftliche Prägung Stärken und Schwächen definiert ebenfalls. Dass jedoch kein Glaube an Allmacht und Herrschaft im Himmel seit Christus mehr nötig ist, sondern allein Mit-Leben und, wo nötig, auch Leere und Sinnsuche, wird verschwiegen. Trotz allen Mutes zur Schwachheit fehlt der Mut zum schwachen Glauben, wie überhaupt Glaubensaussagen in den Abhandlungen auffallend zurücktreten. Das Heft ist eine behutsame Einladung, das, was wir als Schwäche wahrzunehmen gelernt haben, anders und neu zu sehen und zu erleben und ein Teil der eigenen Lebensgeschichte werden zu lassen – ein Plädoyer für mutiges persönliches Wachstum.

Quelle:
Der Schwache Glaube

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14th Jun2009

Häusliche Gewalt gegen junge Lesben und Schwule

by admin

(Dieser Text war in leicht veränderter Form Grundlage des Dialogreferats von Thomas Haas und mir im Rahmen des Fachtages “Unsichtbar?!”, den Almut Dietrich von der Landeskoordianation Anti-Gewalt-Arbeit in NRW im November 2008 veranstaltet hat.)

Vorbemerkung: Reflexionsfragen zur eigenen Biografie

  • Was von dem, was Ihre Eltern Ihnen vorgelebt haben bezüglich Liebe, Partnerschaft und Beziehung haben Sie für sich selbst als gültig anerkannt und übernommen – wozu haben Sie nein gesagt?
  • Stellen Sie sich vor, Sie müssten Ihrer Nachbarin oder Ihrem Nachbarn hier Auskunft darüber geben, ob Sie zur Zeit heterosexuell, lesbisch, schwul, asexuell, zölibatär, autosexuell… leben – was löst das für Gedanken und Gefühle in Ihnen aus? (vgl. Albrecht-Heide und Holzkamp, 1998)
  • Welche Rolle spielt in Ihren Beziehungen Macht und Aggression?
  • Wenn Sie zurückgehen in die Zeit, als Sie 15, 16, 17 waren: Was hat damals Glück für Sie bedeutet?

Lesbische, schwule und transidente Jugendliche und junge Erwachsene erleben in ihren Familien Gewalt – drei Fallbeispiele

  • Ein junger Mann, Anfang 20, ältester Sohn einer Familie, die aus einem EU-Mitgliedsland Südeuropas in eine Mittelstadt eines eher ländlichen Kreises in NRW zugewandert ist, wendet sich telefonisch an eine psychosoziale Beratungsstelle für Lesben, Schwule und deren Familien. Die Eltern des Mannes sind selbstständig und besitzen ein Geschäft, in dem der Sohn mitarbeitet. Im zweiten Jahr absolviert er eine schulische und damit kostenpflichtige Ausbildung. Er beschreibt seine Eltern als sehr religiös. Anlass der Beratung ist ein Konflikt mit dem Vater, der den Kontakt des schwulen Sohnes zu seinem Freund, der in einer entfernten Großstadt wohnt, unterbinden will. Der Vater kontrolliert die Außenkontakte des Sohnes, verbietet Telefonate, nimmt dem Sohn das Mobiltelefon und setzt durch, dass der Sohn die elterliche Wohnung nur zum Besuch der Ausbildungsstätte verlassen kann. Ziel der Beratung ist es, Unterstützungsmöglichkeiten durch das örtliche Jugendamt zu finden, damit der junge Mann sowohl seine Ausbildung, die von den Eltern finanziert wird, fortsetzen kann, als auch ungehindert die Beziehung zu seinem Freund leben kann.
  • Eine junge Frau wendet sich an die Landeskoordination Anti-Gewaltarbeit. Anlass der Beratung ist ihr Coming-out als transidente Frau. Die Tochter wird von ihren Eltern als “pervers” betitelt und misshandelt. Der Vater übt verbale Gewalt aus. Die Eltern versuchen, ihre Tochter in die Psychiatrie einzuweisen. Ziel der Beratung ist es, der jungen Frau zu helfen, auch gegenüber dem Jugendamt mehr Akzeptanz für ihre Identität als transidente Frau schaffen.
  • Eine lesbische Jugendliche, 17 Jahre und noch Schülerin, wendet sich an die Leiterin einer lesbisch-schwulen Jugendgruppe im Ruhrgebiet. Anlass der Beratung ist ein Konflikt mit der alleinerziehenden Mutter, bei dem es um das Coming-out der Tochter geht. Im Laufe eines Streits, der eskalierte, hat die Mutter ihre Tochter aus der gemeinsamen Wohnung geworfen, da die Tochter ihre Identität als junge Lesben weder verschweigen, noch verleugnen will. Ziel der Beratung ist eine vorübergehende Unterbringung des Mädchens mit Einverständnis der Mutter.

Forschungsergebnisse

Die 1999 vom Berliner Senat veröffentlichte Studie “Sie liebt Sie. Er liebt ihn” ist noch immer eine der wenigen fundierten sozialwissenschaftlichen Studien zur Lebenssituation lesbischer, schwuler und bisexueller Jugendlicher und junger Erwachsener. Diese Studie hat deutlich gemacht, dass gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierungen keine Phase sind und dass eine heterosexuelle Orientierung nicht selbstverständlich aus der krisenhaften Lebensphase der Adoleszenz hervorgeht. Mehr als 50% der befragten Mädchen haben ihre erste gleichgeschlechtliche Liebe im Alter von 13,1 Jahren erlebt, 75% der befragten Jungen im Alter von 14,0 Jahren.

Dass Homosexualität für Jugendliche ein “vergessenes” Thema ist, zeigt, dass 20% der befragten Mädchen und 33% der Jungen keine Informationen über Homosexualität hatten, als sie vermuteten “anders” zu sein. Und obwohl 14% der befragten Mädchen und 37% der Jungen ihr Coming-out vor dem 16. Geburtstag hatten, haben nur 15% der Mädchen und 14% der Jungen zuerst in ihrer Familie über ihr “Anders-Sein” gesprochen.

Mit negativen Reaktionen auf die Erklärung, lesbisch, schwul oder bisexuell zu sein, musste ein Großteil der Befragten rechnen, 75% der Mädchen und 60% der Jungen. 10% erlebten körperliche Gewalt, 18% haben bereits einen Suizidversuch hinter sich, Suizidgedanken hatten 64% der befragten Mädchen und 56% der Jungen.

Familie als System

These:Gewalt ist konstitutiv für die bürgerliche Familie und bildet sich in der Familienstruktur, den Geschlechterrollen und in Heteronormativität ab

1997 feierte die Schwulenbewegung in Berlin ihren 100. Geburtstag. Das etymologische Wörterbuch lehrt, dass “homosexuell” nicht etwa nur eine Triebrichtung oder Beschreibung einer sexuellen Handlung sei, sondern auch eine “gelehrte Zusammensetzung” aus dem Ende des 19. Jahrhunderts.
Auch die bürgerliche Familie ist eine Erfindung; sie stammt aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In einer ständisch geprägten Welt sieht sich das Bürgertum in prekärer Lage, ist es doch weder gesellschaftlich, noch sozial oder politisch fest verortet. Die Konzentration auf den sozialen Ort der Familie ist deshalb eine kreative, kulturelle Lösung dieses Problems. Das Bürgertum erarbeitet seinen gesellschaftlichen Platz durch individuelle Leistung, durch Bildung und das durch Bildung erreichte Amt. Damit einher geht die Trennung von Haus und Arbeitsort. Die Wahl des Ehepartners wird individualisiert und Liebe wird das ehestiftende Motiv. Der Zwang zur Individualisierung als die Chance, sich gesellschaftlich zu behaupten, trifft vor allem die Männer und ihre Rolle in der (Erwerbs-) Gesellschaft: Sie müssen sich selbst in wechselnden sozialen Bezügen als Einheit empfinden und dort ihre Identität bewahren. Mit der Erfindung der bürgerlichen Familie als Gegenort zur Arbeitswelt ist auch eine soziale Isolierung verbunden: die Abschirmung bestimmter Lebensbereiche gegen die soziale Umwelt. Liebe und Freundschaft müssen den Mangel der sozialen Bestätigung ausgleichen und eine inkomplette soziale Struktur ergänzen. Hier werden innerhalb der Familie insbesondere von Frauen Ressourcen bereitgestellt, die es außerhalb nicht gibt. (vgl. Rosenbaum, 1982)

In der Folge verändern sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Geschlechtscharaktere. Mann und Frau verändern sich in ihren sozialen Positionen anhand der neu ausgezogenen Grenzlinien von Aktivität/Rationalität und Emotionalität/Passivität. Behauptet wird dabei nicht eine neuzeitliche soziale Konstruktion, sondern ein „natürlicher“ Unterschied.
Das Haus ist die Familie, der innere Raum, den Frauen zugehörig. “Zwanglose Kommunikation der Männer untereinander” findet in anderen Räumen, außerhalb statt. (vgl. ebd.) Es entsteht eine eigene Kultur von Clubs, Kaffeehäusern und Vereinen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird diese Trennung des Bereichs der Familie und des Bereichs der gesellschaftlichen Dynamik und Entwicklung noch stärker.
Zugleich werden die sexuellen Beziehungen zwischen den Ehepartnern aufgewertet. Sex wird in der bürgerlichen Familie monopolisiert, der Trieb verdrängt, Affekte, Emotionen, das Sexuelle unterdrückt. Der Körper wird umgeformt vom Lust- zum Leistungsorgan. Allerdings: Vor- und außereheliche Beziehungen sind Männern erlaubt und werden ihnen quasi unterstellt. In den familialen Beziehungen bildet sich eine hierarchische Organisation ab.

In dieser gesellschaftlichen Situation erfindet Sigmund Freund um 1900 die Psychoanalyse. Wir können darin gleichsam die geronnenen Muster der bürgerlichen Familie erkennen. Ebenso unschwer können wir nach der Erfindung der bürgerlichen Familie die Erfindung der Homosexualität als Kehrseite der Medaille lesen: Offenbar braucht Heterosexualität in der Zurichtung des Sexuellen eine Projektionsfläche des Unterdrückten, für die sich Homosexuelle außerordentlich eignen sollten.

Die subjektive Wahrnehmung der Lebenswelten sexueller Andersartigkeit heute beinhaltet die Folie der strukturellen Übereinstimmung von Ausgrenzungsmechanismen, die in der bürgerlichen Familie wirken und ihr konstitutiv sind. Sie entsprechen den Ausgrenzungsmechanismen, die Hetero- von Homosexualität trennen und den Ausgrenzungsmechanismen, die innerhalb lesbischer und schwuler Lebenswelten wirken.
Auch lesbische, schwule, bisexuelle und transidente Jugendliche wachsen im gleichen sozialen Rahmen auf, in dem ihre heterosexuellen Freundinnen und Freunde aufwachsen – und zwar als vermeintlich Heterosexuelle; auch sie werden geprägt von den Werten und Normvorstellungen der bürgerlichen Familie in der je eigenen Ausprägung ihrer Herkunftsfamilie.

Die bürgerliche Familie lässt Familiensysteme entstehen, die häufig von starren Grenzen zwischen Innen und Außen geprägt sind. Hier werden Familiensysteme befördert, die auf ihrer Nicht-Veränderung beharren; sie wirken statisch, identifizieren sexuelle Andersartigkeit als Fremdes, dessen Einwirken verhindert werden soll.

These:Das System Familie reagiert dann mit Gewalt auf Bewegungen von Jugendlichen und jungen Menschen nach außen, wenn die statischen Anteile größer sind, als die dynamischen.

Coming-out

These: Familien, in denen Werte machtvoll durchgesetzt werden, zeigen vor dem kulturellen und vor allem religiösen Hintergrund verschiedene Ausprägungen von Gewalt, mit denen Eltern auf das Coming-out ihrer Töchter und Söhne reagieren.

Coming-out, das Herauskommen, das Mitteilen, lesbisch, schwul, bisexuell oder transident zu sein, ist eine der Bewegungsrichtungen in der Adoleszenz. Die anderen Bewegungsrichtungen hin auf eine Identität eines/einer Erwachsenen ist das Ablösen von den Identifikationen der Kindheit. Lesbische und schwule Jugendliche bewegen sich aus der Heterosexualität heraus, hinein in Homosexualität, aus ihrer Herkunftsfamilie heraus, hinein in eine „fremde” peer-group, und sie bewegen sich hinein in neue aktive, sexuelle Anteile ihrer Person.

In Gesellschaften, in denen ein Mädchen ein Mädchen oder ein Junge, einen Junge so liebt, wie es sonst nur gegengeschlechtlichen Paaren vorbehalten ist, in denen Jugendliche sich nicht auf einen gleich- oder gegengeschlechtlichen Partner oder eine Partnerin festlegen wollen, in denen junge Menschen Transidentität leben wollen, weichen sie von der vorgegebenen Norm ab und erfahren, je nach den Bedingungen ihres Lebensumfeldes eine wie auch immer geartete Sanktionierung.

Hier werden -vor allem von Eltern- Fragen nach dem „Warum” von Homosexualität gestellt. Hier sei eine Bemerkung von Sigmund Freud zitiert: “Im Sinne der Psychoanalyse ist also auch das ausschließliche sexuelle Interesse des Mannes für das Weib ein der Aufklärung bedürftiges Problem und keine Selbstverständlichkeit, die der eine im Grunde chemische Anziehung zu unterlegen ist.” (Freud, 1991, S.47ff., Anm.1) Aus einer systemischen Sichtweise auf die Familie und aus einer pädagogischen Sicht, die Erziehung so versteht, dass sie von den Adressat/innen ausgeht, steht jedoch die Frage nach dem „Wozu” im Vordergrund: „Wozu könnte es in genau dieser Familie gut sein, dass die Tochter / der Sohn ein (gelungenes) Coming-out hat?”

Identitätsentwicklung

These:Die aggressiven Anteile der Adoleszenz werden mit Gewalt beantwortet, vor allem, wenn es um eine abweichende sexuelle Identität geht.

Die Frage der Identität gewinnt mit der Adoleszenz Gewicht. In dieser Lebensphase werden die grundlegenden Kindheitsidentifikationen eingehen in die Identität des/der Erwachsenen.

“Bei gelungener Identitätsbildung gehen alle in der Kindheit gesammelten positiven Ich-Werte in das Identitätsgefühl ein in dem Sinne, dass man sich selbst als eine Person mit Einheitlichkeit und Kontinuität versteht und zugleich als jemanden, der darum auf andere angewiesen ist in der Gewissheit, dass diese ihn auch brauchen.” (Baacke, 31983, S.144)

Für Jugendliche stellen sich in der Adoleszenz phasenspezifische Aufgaben wie die Selbstdefinition der eigenen Person, die Abgrenzung von den Eltern und das Finden eines Platzes in der Gemeinschaft der Gleichaltrigen. Jugendliche haben die Aufgabe, ihre eigene Rolle zu finden und sie auszubalancieren zwischen angebotenen, angenommenen und abgelehnten Rollen. Und sie müssen das eigene und neue Erleben ihrer Person und ihres Körpers in den neuen Kontext der physisch-sexuellen Reife integrieren und einen Zugang zu ihren aktiven und sexuellen Anteilen finden.

Diese Aufgaben stellen sich für alle Jugendliche, die so die Phase der Adoleszenz als krisenhaft erleben. Für lesbische, schwule, bisexuelle und transidente Jugendliche ist die Adoleszenz jedoch oft eine doppelte Krise, die sich durch ihre von der heterosexuellen Norm abweichende Identitätsbildung verschärft.

Kindeswohlgefährdung

These: Auch Hilfesysteme und die darin Agierenden arbeiten im gesellschaftlichen Rahmen von Heteronormativität.

D. h., sowohl Mitarbeiter/innen des ASD, des Jugendamtes, als auch der Einrichtungen für junge Lesben, Schwule, Bisexuelle und transidente junge Menschen haben die Aufgabe, diesen Rahmen zu reflektieren. Fachkräfte, die mit ihnen arbeiten, haben einen gesetzlichen Schutzauftrag, der sich an der Gefährdung des Wohls von Jugendlichen ausrichtet. Es handelt sich bei dem Terminus „Kindeswohlgefährdung” also um ein rechtliches und normatives Konstrukt. (vgl. Knapp 2008, S.2)

Wie also nehmen Fachkräfte die Lebenssituation von lesbischen, schwulen, transidenten Jugendlichen wahr? Was sehen sie, wenn sie auf Jugendliche schauen, die eine Identität entwickeln, die von der Norm zur Heterosexualität abweicht? Die Aufgabe besteht darin, auch für Jugendliche einen entsprechenden Beobachtungsbogen zu erarbeiten, der die in den Beispielen genannten Fälle von Gewalterfahrungen entsprechend erfassen kann, damit Jugendämter, soziale Dienste und freie Träger ihren Verpflichtungen nachkommen können, die gewährleisten, dass lesbische, schwule, bisexuelle und transidente Jugendliche ihre Identität genauso unbeschadet entwickeln können, wie ihre heterosexuellen Freundinnen und Freunde auch.

Wie beurteilen Fachkräfte die Gefährdung und die Gewalterfahrungen von Jugendlichen, die ihr Coming-out in ihren Herkunftsfamilien haben? Hier besteht die Aufgabe darin, Kommunikation und Kooperation zu initiieren, Erfahrungen der Beteiligten auszutauschen, Werte und Normen zu reflektieren und den institutionellen Rahmen zu berücksichtigen. Es bedarf eines gemeinsamen Vorgehens von Fachkräften, um die geschilderten Gewalterfahrungen als erhebliche Schädigungen der Identitätsentwicklung von Jugendlichen zu begreifen. Erst daraus kann sich professionelles Handeln ableiten. Jugendliche, die auf Grund ihrer sexuellen Orientierung Gewalterfahrungen machen, brauchen ein Schutzkonzept und die Aktivierung von Hilfesystemen, die die in den Herkunftsfamilien erlebten Marginalisierungen nicht wiederholen.

Fragen zum Weiterdenken

  • Was haben Sie in Ihrer Arbeit mit lesbischen, schwulen, bisexuellen und transidenten Jugendlichen und jungen Erwachsenen als hilfreich und nützlich erlebt?
  • Wozu könnte es für ihre Arbeit mit genau dieser Familie gut sein, dass die Tochter / der Sohn ein gelungenes Coming-out hat?
  • Wozu könnte es bei ihrer Arbeit mit jugendlichen Adressat/innen gut sein, dass Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transidente genauso selbstverständlich erwachsen werden, wie ihre heterosexuellen Familienmitglieder und Freund/innen?

 

Literaturhinweise

100 Jahre Schwulenbewegung. Dokumentation einer Vortragsreihe in der Akademie der Künste.
Hg. v. Manfred Herzer.
Berlin, 1998

Albrecht-Heide, Astrid und Christine Holzkamp:
Lebensformen und Sexualität – Vielfalt quer zu patriarchalen Leitbildern.
in:
Lebensformen und Sexualität. Herrschaftskritische Analysen und pädagogische Perspektiven.
Hg. v. Jutta Hartmann.
(= Wissenschaftliche Reihe, Bd. 106)
Bielefeld 1998

Baacke, Dieter:
Die 13- bis 18-Jährigen.
Weinheim, 3. Auflage 1983

Erikson, Erik H.:
Identität und Lebenszyklus.
Frankfurt, 2003

Freud, Sigmund:
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie.
Frankfurt, 1991

Knapp, Heidi:
Die alltägliche und besondere Herausforderung bei Kindeswohlgefährdung: Erkennen-Beurteilen-Handeln.
in:
Jugendhilfe aktuell, Heft 2, 2008, S. 2-9

Laufer, Moses und M. Eglé Laufer:
Adoleszenz und Entwicklungskrise
Stuttgart, 1989

Rosenbaum, Heidi:
Formen der Familie.
Frankfurt, 1982

Sie liebt sie, er liebt ihn : eine Studie zur psychosozialen Lage junger Lesben, Schwuler und Bisexueller in Berlin.
Hg. v. der Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport, Fachbereich für gleichgeschlechtliche Lebensweisen in Kooperation mit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.
Berlin, 1999

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