Schwäche zeigen
Schwäche zeigen – als Problem und Lösung, Markus Chmielorz und Christoph Fleischer. Dortmund und Werl 2009. Stärke und Schwäche, Auf tiefen Wunden wachsen große Flügel, Rezension zu Publik-Forum Extra, Magazin für Spiritualität und Lebenskunst Heft 3, 2009
Als dritte Extra-Ausgabe legt das „Publik-Forum – Magazin für Spiritualität und Lebenskunst” im Mai ein Heft mit dem Titel „Stärke und Schwäche – Aus tiefen Wunden wachsen große Flügel” vor. Was Schwäche jedoch genau bedeutet, möge sich aus dem Kaleidoskop der Texte dieses Heftes erschließen.
Klaus Hofmeister fragt in seinem Vorwort: „Was ist stark? Was ist schwach?” Und konstatiert zugleich, was für unsere -bürgerliche- Gesellschaft in genau dieser christlich-jüdischen Tradition unseres Abendlandes gilt: „Alle wollen stark sein – niemand möchte schwach sein.” Das Heft versammelt 16 Autorinnen und Autoren, die all die Themen beleuchten, die mal aus der je eigenen Alltagserfahrung, mal aus Vermittlung durch Medien präsent sind. Um es hier vorweg zu nehmen: Starke Zustimmung verspürt der Rezensent dort, wo Erfahrungen zur Sprache gebracht werden; Biografien, die davon sprechen, dass Leben und Erleben von Menschen eben nicht „gleich und grad” ist, sondern gebrochen. Damit eröffnet sich die Perspektive, die auf den Prozess schaut, der gerade im Umgang mit seinen „Schwächen” seine Stärke beweist. Und dennoch ist genau auch diese Aussage wieder eine, die eine neue Frage eröffnet: Was geschieht, wenn die Schwäche schlicht zur Stärke erklärt wird? Ist sie dann nicht immer noch ein Makel? Wäre es nicht ein wirklicher Fortschritt, Schwäche wie Stärke als das zu akzeptieren, was sie sind, Gestalten von reflektierter Erfahrung?
Corinna Tertel macht den Aufschlag und bringt den „muskulösen Körper als Ideal” auf den Schauplatz des „Body-Combat”. Sie stellt uns zwei Menschen mit unterschiedlicher Lebensgeschichte und Motivation vor, ohne jedoch das Grundthema auszuführen, wenn es um „Fitness”-Industrie oder „Body-Building” geht: Hier der Vorwurf der Ökonomisierung, dort Stärke als Ausdruck eines traditionellen Geschlechtsrollenstereotyps. Immerhin: Bodybuilding erscheint hier biographisch als die starke Lösung eines Problems, das mit Schwäche identifiziert wird. Mehr als ein Artikel fragt denn auch nach den Bedingungen der Möglichkeit, Mann(s) zu sein.
Christoph Quarch nimmt dabei Anleihen bei Herbert Grönemeyer und der populären Kultur der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, jedoch ohne die Dynamik der Geschlechterdifferenzierung so zu analysieren, dass deren Konstruktion, Diskursmacht und Wirkungsweisen ideologiekritisch entzaubert würden. Es bleibt bei einer beschreibenden Perspektivenübernahme: Jungen bestimmen die eigene Stärke aus der Übernahme des Blicks der Mädchen auf sie. Da klingt Heteronormativität durch, ohne weiter befragt zu werden. Bei Wilfried Vogelmann geht es unter dem Titel „Stehen, kämpfen, Kräfte spüren” um eine Reise zu den Quellen des Mannseins. Genauer: Es geht um Männer in der zweiten Hälfte ihres Lebens, um Fortschritt und ums Funktionieren und um den Verlust von Beziehung: Was kommt dann, wenn die Ehe nicht mehr „funktioniert”, scheitert? Von dieser Reise wird so erzählt: „Also begleiten wir Männer auf ihrer ‚Sehnsuche‘ und sprechen offen über Hoden, Penis und Phallus oder über die Verbindung von Hirn, Herz/Hand und Hoden.” Dies wirkt jedoch befremdlich, da es in mittelbarer Rede erfolgt. Es wirkt auch befremdlich, weil Männer dann Schwäche erleben, wenn ihre eigene Stärke umschlägt und sie zu Objekten des eigenen Handelns werden lässt. Und schließlich deshalb, weil unklar bleibt, ob Schwäche nun in ihr eigenes Recht gesetzt wird oder dazu dient, die alte Stärke nur zu bestätigen.
Wenn Michael Hollenbach jedoch über die Erfahrungen von Jungen, die erst noch Männer werden, in einem „Boxcamp” schreibt, dann wird deutlich, wie dieses Publik-Forum Extra von unmittelbaren Erfahrungen lebt, die authentisch von der Sehnsucht nach gelingender Beziehung sprechen. Dass es unter der Überschrift „Stärke und Schwäche” auch um Aggressionen und Gewalt geht, zeigt dieser Aufsatz, auch, dass menschliches Leben ohne Aggressionen nicht zu denken ist. Und wenn Kinder und Jugendliche in dieser Welt immer wieder die sie vernichtende Erfahrung der Stärke Erwachsener machen, lesen wir hier davon, wie die Spirale der Gewalt in der aufmerksamen Beziehung unterbrochen werden kann.
Susanne Wahler-Göbel schreibt von ihren Glaubenserfahrungen: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert” – das Matthäusevangelium ist ihr Ausgangspunkt, nicht nur den historischen Jesus, sondern auch sich selbst zu befragen: Können wir Jesus noch immer politisch lesen? Die Autorin deutet das Bild des Schwertes um, weil sie, die als Christin glaubt, eine eigene Erfahrung mit der japanischen Schwertkunst des Aikido gemacht hat, die sie gelehrt hat, die „richtige Haltung” zu üben. Auch Anselm Grün nähert sich von den Glaubenserfahrungen, wenn auch nicht von den eigenen, sondern von denen des Paulus, wenn es darum geht, „Gott in der Krankheit” zu erfahren. Krankheit und Verkündigung werden zusammen gedacht, Schwäche stiftet eine Erfahrung der Gemeinschaft mit Christus, dem Gekreuzigten. Auch Grün bleibt jedoch beim dualistischen Gegensatz von Stärke und Schwäche, wenn er schreibt: „Und Christi Herrlichkeit kann gerade durch die Schwäche (…) aufleuchten.” Es bleibt die Frage, angesichts der Erfahrung von Schwäche und Ohnmacht, die Grün beschreibt als ein „ganz und gar auf Gott” Geworfensein, ob da ein Gottesbild durchscheint, das einen starken Gott der Schwäche als das ganz Andere gegenüberstellt oder ob Gott genau in der Schwäche und an der Seite der Schwachen ist. „Wenn ich schwach bin, bin ich stark”, schreibt Paulus (2. Kor. 12,10) – offenbar sind Menschen zu solchen paradoxen Erfahrungen fähig, und manchmal sind diese Erfahrungen dann Glaubenserfahrungen. Sollte Gott jedoch die Schwäche des Menschen brauchen und ausnutzen, um sich in der Welt als stark zu zeigen?
Um Krankheit geht es auch in den beiden Aufsätzen von Manfred Stelzig und Agnes Lanfermann. Stelzig schaut auf die Schwachpunkte des Körpers – „Seele unter der Haut” nähert sich der Psychosomatik und deutet das Symptom als eine Aufforderung zur Stärkung. Eine entsprechende anthropologische Rahmung bleibt hier unausgesprochen: Wie verstehen wir menschheitsgeschichtlich und soziokulturell denn Stärke und Schwäche? Weshalb ist es für die einen gut, eine Lösung zu finden, die Stärke an Stelle von Schwäche setzt und weshalb finden andere eine Lösung, die nicht ändert, sondern Schwäche umdeutet? Lanfermann erzählt: „Aus tiefen Wunden wachsen große Flügel” – Geschichten von Leiderfahrungen, und nur das Erzählen kommt den Menschen hinter den Geschichten bei; die Wunden wollen gezeigt und verstanden werden und erzählen davon, es möge anders sein.
Aus der Perspektive der Persönlichkeitspsychologie deutet Thomas Saum-Aldehoff „Schwäche” nicht als Makel, sondern im Sinn von Resilienz, einer inneren Stärke der biographischen Prägung durch Schwäche. Hier wird Schwäche zwar als Lebenserfahrung bejaht, dennoch nur als Durchgangsstadium: Wer´s nicht schafft, bleibt Loser. Saum-Aldehoff hält dagegen und empfiehlt das Einrichten der Nische in Selbstakzeptanz von Stärken und Schwächen.
Inhaltlich daran anknüpfend kommt Rainer Dachselt eher zu einer Gegenposition. Ihm geht das Kokettieren mit Schwächen im Bewerbungsgespräch auf die Nerven, wenn dort geradezu unmögliche Fehler zu Schlüsselqualifikationen umgedeutet werden. Ihm ist Stärke lieber, auch wenn sie von vorgestern ist.
Fulbert Steffensky scheint einen Weg zu weisen, indem er gezielt eine Stärke beschreibt, die in der technokratischen Welt auf der Strecke bleibt, die Stärke, die darin besteht emotional zu sein und dazu auch zu stehen. Aber auch in seiner Position geht es darum um wahre, durch Erfahrung von Schwachheit geprägte Stärke, die die Perspektive vorgibt, wenn auch nun Eigenschaften als stark gesehen werden, die auch als Schwächen gelten mögen.
Dies gilt entsprechend für die feministische Theologie, die von ihrer Mitbegründerin Elisabeth Moltmann-Wendel vorgestellt wird („Orientierung am Wachsen des Lebens”), wie für die Gewaltfreiheit als Machtmittel der Friedensbewegung (Hartmut Meermann im Gespräch mit Reinhard Voss). Die Stärken der Friedensbewegung sind Geduld und Abkehr von der Gewaltdynamik, das aktive Zuhören und eine Verhandlungstechnik, die eher auf den Prozess sieht als auf das Ergebnis. Hier wird die vermeintliche Schwäche zur eigentlichen Stärke. Der Essay über starke Frauen von Elisabeth Moltmann-Wendel zeigt ebenfalls auf die Stärke, aber nicht, indem sie wie die erste Frauenbewegung auf Machtentfaltung setzt, sondern auf die Orientierung am Leben, aus der Anerkennung von Schwächen aber auch aus Selbstsicherheit und immer noch aus Zusammenhalt.
Um die Abwertung von Schwäche auf die Spitze zu treiben, reflektiert der Theologe Holger Schlageter menschliche Opferhaltungen. Was hier im Grund und treffend beobachtet ist, dass auch Menschen zu Selbstobjekten instrumentalisiert werden und eine indirekte Kommunikation Macht entfaltet, liegt doch das Ziel darin, die Schwäche einzugestehen und einen Neuanfang zu setzen, der den Teufelskreis von Opferhaltungen durchbricht.
Ganz anders dagegen der kurze Aufsatz von Doris Weber. Zwei Menschen lernen sich lieben, allerdings online im Chat. Trotz aller Widerstände kommt es zu einem persönlichen Treffen. Dass er im Rollstuhl sitzt, im Internet hat er es bewusst verschwiegen, konnte die Liebe nicht mehr erlöschen.
Zum Schluss will sich die Waage zwischen Schwäche und Stärke dann doch noch einpendeln. Luise Theiß berichtet über die Aussagen des I Ging, von Laotse. Nur der Daoismus, nicht das Christentum macht, so scheint es, ernst damit, in Stärken das Unterlegende und den Gesell des Todes und im Schwachsein den Siegenden und Gesell des Lebens zu sehen.
Zurück zur Ausgangsfrage: Was ist Schwäche? Lebenserfahrungen, denen sich Menschen zu stellen haben, Grenzerfahrungen und die Abkehr von Gewalt? Zu oft jedoch wird Schwäche und Schwachheit aus der Perspektive einer Art von Stärke gesehen. Die Umdeutung allerdings bestätigt den Dualismus und kann ihn nicht aufheben. Dass aus „tiefen Wunden Flügel wachsen” ist die ermutigende Seite dieser Abhandlungen, dass gesellschaftliche Prägung Stärken und Schwächen definiert ebenfalls. Dass jedoch kein Glaube an Allmacht und Herrschaft im Himmel seit Christus mehr nötig ist, sondern allein Mit-Leben und, wo nötig, auch Leere und Sinnsuche, wird verschwiegen. Trotz allen Mutes zur Schwachheit fehlt der Mut zum schwachen Glauben, wie überhaupt Glaubensaussagen in den Abhandlungen auffallend zurücktreten. Das Heft ist eine behutsame Einladung, das, was wir als Schwäche wahrzunehmen gelernt haben, anders und neu zu sehen und zu erleben und ein Teil der eigenen Lebensgeschichte werden zu lassen – ein Plädoyer für mutiges persönliches Wachstum.
Quelle:
Der Schwache Glaube