Zur Rezension: Christoph Fleischer – Dorothee Sölle: Atheistisch an Gott glauben.

Wenn der historische Jesus der Ausgangspunkt dessen ist, was Christen sagen können über ihren Glauben an Gott, dann können wir eine geschichtliche Komponente unterscheiden von einer anthropologischen Komponente.
Dorothee Sölle unterscheidet, und das ist dem Menschen, dem aufrecht gehenden und damit an der Vertikalen ausgerichteten zoon politikon eingeschrieben, doch zwischen Oben und Unten, wenn die „Verlorenen (…) hinaufgenommen” werden, wenn sie spricht von „Christi (…) Niederstieg”. Aber: Sie spricht eben nicht von Herren und Knechten.

 

Sölles Stichwort ist die „Selbstentfremdung” des Menschen, und der Leser ist geneigt, eine Hypothese zu formulieren: Das Primat des menschlichen Auges, der immer differenziertere Gebrauch von Werkzeugen und die der Menschheitsgeschichte eingeschriebene Entstofflichung sind zugleich dem Menschsein immanent und damit die Agenten der Selbstentfremdung, der zunächst eine Leerstelle als Gegenteil gegenübersteht.
Sölle füllt diese Leerstelle ex negativo: „Gott überließ sich in Christus der Gottlosigkeit.” Sie spitzt auf diese Leerstelle zu. Daran schließen sich Fragen an:

  • Wie ist diese Leerstelle der „Gottlosigkeit” dann nun erneut zu füllen? Das aber wäre nach Sölle ein Akt der „Verdinglichung”, der sich verbietet. Aus einer systemischen Sichtweise, die die Bedingungen und Abhängigkeiten von „Leerstelle” und deren „Füllung” betrachtet, würde sich die Selbstentfremdung dann durch die „Verdinglichung” abermals bestätigten: keine Lösung, sondern nur mehr vom selben.
  • Müssen wir möglicherweise konstatieren, dass auch vor der „Gottlosigkeit” Gott nicht da war?
  • Worauf ist der Mensch denn angesichts der „Gottlosigkeit” verwiesen? Bestätigt also die Leerstelle ausschließlich sich selbst oder nicht gerade das ihr Andere, Fremde?

Der Glaube an Christus wird bei Sölle eine Frage der christlichen, Jesus nachfolgenden Lebenspraxis, ohne dass zunächst außerhalb dieser Lebenspraxis, die Frage beantwortet würde, wer oder was dieser Gott, den Jesus seinen Vater nannte, denn sei: „Auf den Weg Jesu mich einlassend, werde ich verändert. Selber mir erträglicher geworden, sehe ich die anderen anders, ich lerne, sie besser zu ertragen.” Genau das können wir jetzt lesen als Überwindung der Selbstentfremdung des Menschen. Hier wird der Glaube radikal, politisch, psychologisch, sozial und -erstaunlich- gottlos. Säkularisation und Entfremdung, die nach Sölle einhergehen mit der „Entäußerung Gottes”, gehen dann nach der o.g. These einher mit einer anthropologischen Sichtweise der Menschheitsgeschichte als Geschichte der Entstofflichung.

Allerdings: Soweit wir Sölle folgen wollen und Glaube und Lebenspraxis in eins fallen sehen, fragen wir uns, wie sich dann Theologie eben nicht in Anthropologie auflösen mag, wenn sich Theologie von der Vorstellung einer „überweltlichen Macht” verabschiedet. Hier mag Derbolavs Ansatz der Praxeologie helfen, der Religion im Zusammenhang menschlicher Gesamtpraxis beschreibt mit ihrer Sonderstellung hinsichtlich der Möglichkeit, die Sinnfrage zu stellen und hinsichtlich der Fähigkeit des Menschen zur Transzendenz. (vgl. Derbolav, Josef: Kritik und Metakritik der Praxeologie, im besonderen der politischen Strukturtheorie. Kastellaun, 1976)

Wenn wir versuchen, Sölle systemisch zu lesen, dann ist der menschlichen Lebenspraxis die Selbstentfremdung ebenso eingeschrieben wie die Transzendenz, beide sind des anderen Zwilling. Gott ereignet sich, möchte man sagen, wo der eine Zwilling des anderen eingedenk ist, wo Beziehung gelebt wird. Wie aber mag Kirche von genau diesem Glauben sprechen?