In Marburg findet Ende Mai 2009 der “6. Internationale Kongress für Psychotherapie und Seelsorge” statt, der sich in diesem Jahr dem Thema “Identität” widmet. Veranstaltet wird der Kongress von der “Akademie für Psychotherapie und Seelsorge”, dessen 1. Vorsitzender Dr. Martin Grabe ist, der auch Vorträge hält, die von der “Jesus-Bruderschaft Gnadenthal” veranstaltet werden.  Psychotherapie und Seelsorge heißt auch: Jenseits der Erkenntnisse der Psychotherapieforschung finden Glaubensüberzeugungen Platz in der therapeutischen Beziehung – nicht ohne Folgen vor allem für lesbische und schwule Klientinnen und Klienten.

So veranstaltet “wuestenstrom” ein Seminar mit dem Titel “Reifung in der Identität als Frau und als Mann”, eben jene Organsation, die “Homosexualität für veränderbar” hält – auf der Grundlage eines Glaubens an Gott. (http://www.wuestenstrom.de) Christl Ruth Vonholdt wird im Rahmen des Marburger Kongresses ein Seminar zum Thema “Weibliche Identitätsentwicklung und mögliche Probleme”anbieten. In einem Interview mit dem Rheinischen Merkur erklärte sie 2004, dass “Ursachen für homosexuelle Empfindungen mit frühkindlichen, tiefen emotionalen Verwundungen zu tun haben, mit chronischen Traumata” (zit. nach dem “Netzwerk bekennender Christen” – http://www.nbc-pfalz.de/pdf/ethik/vonholdt_neue-landkarte-im-kopf.pdf) und negiert damit die fundierte Entscheidung der Weltgesundheitsorganisation WHO aus dem Jahr 1992, Homosexualität aus der Liste der psychischen Erkrankungen zu streichen.

Die Kritik an den Referent/innen hat nun dazu geführt, dass das christliche Informationsforum “Medrum” eine Erklärung  „Für Freiheit und Selbstbestimmung“ veröffentlicht hat, in der abermals betont wird, dass “Veränderung einer homosexuellen Neigung möglich ist”. Der Wortlaut der Erklärung psychiatrisiert und medizinalisiert Lesben und Schwule erneut.

Dem entgegen setzen die Unterzeichner/innen der “Erklärung für Akzeptanz und Gleichberechtigung” ein entschiedenes Zeichen gegen die Therapierbarkeit von Homosexualität. Sie analysieren sehr genau, wie in ein “heteronormatives Gesellschaftsverständnis” Lesben und Schwule identifiziert, pathologisiert und diskriminiert, und wie diese Diskriminierung vor einem religiös-weltanschaulichen und eben nicht wissenschaftlichen Hintergrund fortbesteht. Dass der Marburger Kongreß eine evangelikale und “schwulenfeindliche” Veranstaltung genannt werden kann, schrieb die Süddeutsche Zeitung in einem Artikel am 29.4.2009.

Wenn religiöser und wissenschaftlicher Diskurs verwechselt werden, wie es die Veranstalter des Marburger Kongresses tun, wenn darüber hinaus für die Freiheit der Wissenschaft argumentiert wird, ohne dass die eigenen Hypothesen in Frage gestellt und überprüfbar werden, auch nicht im Rahmen des Kongresses, dann kann das nur zu Lasten derjenigen gehen, die als Lesben und Schwule Diskriminierungen ausgesetzt sind und denen die gleichen Freiheitsrechte und Rechte zu sexueller Selbstbestimmung abgesprochen werden, die ihre heterosexuellen Mitbürger/innen selbstverständlich für sich beanspruchen. Dies widerspricht einer offenen Gesellschaft, die Akzeptanz und Gleichberechtigung als einen Gewinn betrachtet, als ein Mehr an Demokratie.

Initiative “Für Freiheit und Selbstbestimmung”

Erklärung für Akzeptanz und Gleichberechtigung