“Taufe Jesu” – Betrachtung in der Kathedrale von Pamplona
Warum uns christliche Bildnisse etwas sagen können, auch wenn wir Agnostiker sind…
Ja, wir sind aufgewachsen in einer Kultur des christlichen Abendlandes. Seine Bildnisse können wir auch heute (noch) lesen in der einen oder anderen Weise, aus einer Nähe oder aus der Distanz. In der Kathedrale von Pamplona hängt über dem Taufbecken ein Gemälde der Taufe Christi aus dem 16. Jahrhundert – jener Vormoderne, in der die neue Welt schon entdeckt war und die römisch-katholische Kirche, 200 Jahre vor der französischen Revolution, durch Luthers Thesen und Reformation in Frage stand.
Taufe, so die Quintessenz des Bildes, stiftet Beziehung. Vor dem Hintergrund einer bukolischen Landschaft, Fluss, Flussufer, Bäume und Hügel, begegnen sich zwei Männer, Jesus und Johannes. Leicht nach links aus der Bildmitte versetzt sehen wir Jesus bis zu den Unterschenkeln im Jordan stehen. Der Künstler bekleidet ihn nur mit einem weißen Lendentuch, vor Brust und Herz hält er die Arme gekreuzt. Rechts neben ihm, am Ufer, stehe Johannes, erhöht, barfuß, Schulter, Hüfte, Oberschenkel umhüllt von dunkelrotem Tuch, in der Linken einen Stab haltend, der oben in einem Kreuz mündet, aus seiner Rechten läuft das Wasser des Jordan über den Kopf Jesu. Über den beiden malt der Künstler einen Wolkenkranz, Strahlenkranz, eine Taube, die den Geist Gottes symbolisiert, und er malt einen Hinweis auf Gott selbst.
Licht und Schatten, ungleich verteilt, auf Jesus dort und Johannes hier. Eine ansteigende Diagonale der verlängerten Schulter-Kopf-Linie Jesu zur Arm-Kopf-Linie des Johannes, beginnend auf der halben Höhe der linken Bildseite bis fast in die rechte obere Ecke des Bildes: ein deutliches Oben und Unten, und zwar in verblüffend umgekehrter Weise, denn unten, im Fluss, stehe Jesus. Und: Wir könnten uns das Bild substanziell auch ohne Wolken- und Strahlenkranz denken – ohne dass es an Aussage verlöre. Zwei Männer begegnen sich, entblößt, verletzbar, zugeneigt, der eine dem anderen einen Dienst tuend („ich wasche dich“ als Motiv), die höhere Position nicht ausnutzend, der andere, die tiefere Position nicht verändern wollend. Eine Beziehung, die von den Ungleichheiten weiß und sie zugleich aufheben kann – indem ein anderes Kriterium eingeführt wird, das nun zählt und das der Beziehungsstiftung selbst innewohnt: Es ist die Hand, die Johannes über den Kopf Jesu hält und die in genau diesem Moment den Geist Jesu entflammt. Eben nicht, weil etwas Äußeres in diese Handlung (von oben) einfällt, sondern weil umgekehrt die innere Bedeutung dieser Handlung fortan nach außen sichtbar wird.