12th Mai2009

“Taufe Jesu” – Betrachtung in der Kathedrale von Pamplona

by admin

Warum uns christliche Bildnisse etwas sagen können, auch wenn wir Agnostiker sind…

Ja, wir sind aufgewachsen in einer Kultur des christlichen Abendlandes. Seine Bildnisse können wir auch heute (noch) lesen in der einen oder anderen Weise, aus einer Nähe oder aus der Distanz. In der Kathedrale von Pamplona hängt über dem Taufbecken ein Gemälde der Taufe Christi aus dem 16. Jahrhundert – jener Vormoderne, in der die neue Welt schon entdeckt war und die römisch-katholische Kirche, 200 Jahre vor der französischen Revolution, durch Luthers Thesen und Reformation in Frage stand.

Taufe, so die Quintessenz des Bildes, stiftet Beziehung. Vor dem Hintergrund einer bukolischen Landschaft, Fluss, Flussufer, Bäume und Hügel, begegnen sich zwei Männer, Jesus und Johannes. Leicht nach links aus der Bildmitte versetzt sehen wir Jesus bis zu den Unterschenkeln im Jordan stehen. Der Künstler bekleidet ihn nur mit einem weißen Lendentuch, vor Brust und Herz hält er die Arme gekreuzt. Rechts neben ihm, am Ufer, stehe Johannes, erhöht, barfuß, Schulter, Hüfte, Oberschenkel umhüllt von dunkelrotem Tuch, in der Linken einen Stab haltend, der oben in einem Kreuz mündet, aus seiner Rechten läuft das Wasser des Jordan über den Kopf Jesu. Über den beiden malt der Künstler einen Wolkenkranz, Strahlenkranz, eine Taube, die den Geist Gottes symbolisiert, und er malt einen Hinweis auf Gott selbst.

Licht und Schatten, ungleich verteilt, auf Jesus dort und Johannes hier. Eine ansteigende Diagonale der verlängerten Schulter-Kopf-Linie Jesu zur Arm-Kopf-Linie des Johannes, beginnend auf der halben Höhe der linken Bildseite bis fast in die rechte obere Ecke des Bildes: ein deutliches Oben und Unten, und zwar in verblüffend umgekehrter Weise, denn unten, im Fluss, stehe Jesus. Und: Wir könnten uns das Bild substanziell auch ohne Wolken- und Strahlenkranz denken – ohne dass es an Aussage verlöre. Zwei Männer begegnen sich, entblößt, verletzbar, zugeneigt, der eine dem anderen einen Dienst tuend („ich wasche dich“ als Motiv), die höhere Position nicht ausnutzend, der andere, die tiefere Position nicht verändern wollend. Eine Beziehung, die von den Ungleichheiten weiß und sie zugleich aufheben kann – indem ein anderes Kriterium eingeführt wird, das nun zählt und das der Beziehungsstiftung selbst innewohnt: Es ist die Hand, die Johannes über den Kopf Jesu hält und die in genau diesem Moment den Geist Jesu entflammt. Eben nicht, weil etwas Äußeres in diese Handlung (von oben) einfällt, sondern weil umgekehrt die innere Bedeutung dieser Handlung fortan nach außen sichtbar wird.

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10th Mai2009

Atheistisch an Gott glauben

by admin

Zur Rezension: Christoph Fleischer – Dorothee Sölle: Atheistisch an Gott glauben.

Wenn der historische Jesus der Ausgangspunkt dessen ist, was Christen sagen können über ihren Glauben an Gott, dann können wir eine geschichtliche Komponente unterscheiden von einer anthropologischen Komponente.
Dorothee Sölle unterscheidet, und das ist dem Menschen, dem aufrecht gehenden und damit an der Vertikalen ausgerichteten zoon politikon eingeschrieben, doch zwischen Oben und Unten, wenn die „Verlorenen (…) hinaufgenommen” werden, wenn sie spricht von „Christi (…) Niederstieg”. Aber: Sie spricht eben nicht von Herren und Knechten.

 

Sölles Stichwort ist die „Selbstentfremdung” des Menschen, und der Leser ist geneigt, eine Hypothese zu formulieren: Das Primat des menschlichen Auges, der immer differenziertere Gebrauch von Werkzeugen und die der Menschheitsgeschichte eingeschriebene Entstofflichung sind zugleich dem Menschsein immanent und damit die Agenten der Selbstentfremdung, der zunächst eine Leerstelle als Gegenteil gegenübersteht.
Sölle füllt diese Leerstelle ex negativo: „Gott überließ sich in Christus der Gottlosigkeit.” Sie spitzt auf diese Leerstelle zu. Daran schließen sich Fragen an:

  • Wie ist diese Leerstelle der „Gottlosigkeit” dann nun erneut zu füllen? Das aber wäre nach Sölle ein Akt der „Verdinglichung”, der sich verbietet. Aus einer systemischen Sichtweise, die die Bedingungen und Abhängigkeiten von „Leerstelle” und deren „Füllung” betrachtet, würde sich die Selbstentfremdung dann durch die „Verdinglichung” abermals bestätigten: keine Lösung, sondern nur mehr vom selben.
  • Müssen wir möglicherweise konstatieren, dass auch vor der „Gottlosigkeit” Gott nicht da war?
  • Worauf ist der Mensch denn angesichts der „Gottlosigkeit” verwiesen? Bestätigt also die Leerstelle ausschließlich sich selbst oder nicht gerade das ihr Andere, Fremde?

Der Glaube an Christus wird bei Sölle eine Frage der christlichen, Jesus nachfolgenden Lebenspraxis, ohne dass zunächst außerhalb dieser Lebenspraxis, die Frage beantwortet würde, wer oder was dieser Gott, den Jesus seinen Vater nannte, denn sei: „Auf den Weg Jesu mich einlassend, werde ich verändert. Selber mir erträglicher geworden, sehe ich die anderen anders, ich lerne, sie besser zu ertragen.” Genau das können wir jetzt lesen als Überwindung der Selbstentfremdung des Menschen. Hier wird der Glaube radikal, politisch, psychologisch, sozial und -erstaunlich- gottlos. Säkularisation und Entfremdung, die nach Sölle einhergehen mit der „Entäußerung Gottes”, gehen dann nach der o.g. These einher mit einer anthropologischen Sichtweise der Menschheitsgeschichte als Geschichte der Entstofflichung.

Allerdings: Soweit wir Sölle folgen wollen und Glaube und Lebenspraxis in eins fallen sehen, fragen wir uns, wie sich dann Theologie eben nicht in Anthropologie auflösen mag, wenn sich Theologie von der Vorstellung einer „überweltlichen Macht” verabschiedet. Hier mag Derbolavs Ansatz der Praxeologie helfen, der Religion im Zusammenhang menschlicher Gesamtpraxis beschreibt mit ihrer Sonderstellung hinsichtlich der Möglichkeit, die Sinnfrage zu stellen und hinsichtlich der Fähigkeit des Menschen zur Transzendenz. (vgl. Derbolav, Josef: Kritik und Metakritik der Praxeologie, im besonderen der politischen Strukturtheorie. Kastellaun, 1976)

Wenn wir versuchen, Sölle systemisch zu lesen, dann ist der menschlichen Lebenspraxis die Selbstentfremdung ebenso eingeschrieben wie die Transzendenz, beide sind des anderen Zwilling. Gott ereignet sich, möchte man sagen, wo der eine Zwilling des anderen eingedenk ist, wo Beziehung gelebt wird. Wie aber mag Kirche von genau diesem Glauben sprechen?

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07th Mai2009

Erklärung für Akzeptanz und Gleichberechtigung

by admin

In Marburg findet Ende Mai 2009 der “6. Internationale Kongress für Psychotherapie und Seelsorge” statt, der sich in diesem Jahr dem Thema “Identität” widmet. Veranstaltet wird der Kongress von der “Akademie für Psychotherapie und Seelsorge”, dessen 1. Vorsitzender Dr. Martin Grabe ist, der auch Vorträge hält, die von der “Jesus-Bruderschaft Gnadenthal” veranstaltet werden.  Psychotherapie und Seelsorge heißt auch: Jenseits der Erkenntnisse der Psychotherapieforschung finden Glaubensüberzeugungen Platz in der therapeutischen Beziehung – nicht ohne Folgen vor allem für lesbische und schwule Klientinnen und Klienten.

So veranstaltet “wuestenstrom” ein Seminar mit dem Titel “Reifung in der Identität als Frau und als Mann”, eben jene Organsation, die “Homosexualität für veränderbar” hält – auf der Grundlage eines Glaubens an Gott. (http://www.wuestenstrom.de) Christl Ruth Vonholdt wird im Rahmen des Marburger Kongresses ein Seminar zum Thema “Weibliche Identitätsentwicklung und mögliche Probleme”anbieten. In einem Interview mit dem Rheinischen Merkur erklärte sie 2004, dass “Ursachen für homosexuelle Empfindungen mit frühkindlichen, tiefen emotionalen Verwundungen zu tun haben, mit chronischen Traumata” (zit. nach dem “Netzwerk bekennender Christen” – http://www.nbc-pfalz.de/pdf/ethik/vonholdt_neue-landkarte-im-kopf.pdf) und negiert damit die fundierte Entscheidung der Weltgesundheitsorganisation WHO aus dem Jahr 1992, Homosexualität aus der Liste der psychischen Erkrankungen zu streichen.

Die Kritik an den Referent/innen hat nun dazu geführt, dass das christliche Informationsforum “Medrum” eine Erklärung  „Für Freiheit und Selbstbestimmung“ veröffentlicht hat, in der abermals betont wird, dass “Veränderung einer homosexuellen Neigung möglich ist”. Der Wortlaut der Erklärung psychiatrisiert und medizinalisiert Lesben und Schwule erneut.

Dem entgegen setzen die Unterzeichner/innen der “Erklärung für Akzeptanz und Gleichberechtigung” ein entschiedenes Zeichen gegen die Therapierbarkeit von Homosexualität. Sie analysieren sehr genau, wie in ein “heteronormatives Gesellschaftsverständnis” Lesben und Schwule identifiziert, pathologisiert und diskriminiert, und wie diese Diskriminierung vor einem religiös-weltanschaulichen und eben nicht wissenschaftlichen Hintergrund fortbesteht. Dass der Marburger Kongreß eine evangelikale und “schwulenfeindliche” Veranstaltung genannt werden kann, schrieb die Süddeutsche Zeitung in einem Artikel am 29.4.2009.

Wenn religiöser und wissenschaftlicher Diskurs verwechselt werden, wie es die Veranstalter des Marburger Kongresses tun, wenn darüber hinaus für die Freiheit der Wissenschaft argumentiert wird, ohne dass die eigenen Hypothesen in Frage gestellt und überprüfbar werden, auch nicht im Rahmen des Kongresses, dann kann das nur zu Lasten derjenigen gehen, die als Lesben und Schwule Diskriminierungen ausgesetzt sind und denen die gleichen Freiheitsrechte und Rechte zu sexueller Selbstbestimmung abgesprochen werden, die ihre heterosexuellen Mitbürger/innen selbstverständlich für sich beanspruchen. Dies widerspricht einer offenen Gesellschaft, die Akzeptanz und Gleichberechtigung als einen Gewinn betrachtet, als ein Mehr an Demokratie.

Initiative “Für Freiheit und Selbstbestimmung”

Erklärung für Akzeptanz und Gleichberechtigung

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