01st Mrz2009

Wozu heute ins Museum gehen? -”Räume Träume” in Bochum

by admin

Die Musen waren Göttinnen der griechischen Antike, Töchter des Zeus und der Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung. Jede der Musen trug einen für sie charakteristischen Gegenstand, so z. B. ist die Leier charakteristisch für Terpsichore, die Muse der Chorlyrik. Das Museum erinnert in seiner wörtlichen Bezeichnung an den Sitz der Musen.

Und ohne das Museum ist die bürgerliche Gesellschaft nicht zu denken. Ihr ist der Bildungsaspekt von Kunst zu Eigen. Denn die Bildung ist es, durch die das Bürgertum seine in einer ursprünglich ständisch geprägten Gesellschaft prekäre soziale Lage so festigt, dass es im Laufe des 19. Jahrhunderts spätestens gesellschaftlich dominierend wird.

Die Auseinandersetzung mit bildender Kunst wiederum ist Teil der bürgerlichen Kultur und zugleich umstritten. Am Beginn des 20. Jahrhunderts ist es Kaiser Wilhelm II., der zugleich den bildenden Zweck der Kunst in ihrer Erhabenheit einforderte und etwa die Zeichnungen Käthe Kollwitz’ als „Rinnsteinkunst“ abwertete. Diese Abwertung und Abspaltung des Dunklen ist konstitutiv für das Bürgertum, dessen Psyche Sigmund Freud zwischen Es – Ich – Über-Ich beschrieb. Kunst ermöglicht im Hinblick auf unsere Alltagserfahrungen eine sinnstiftende Überschreitung; Kunst ermöglicht eigensprachliche Inselerlebnisse, die über das hinausgehen, was bloß Geschäft ist.

Das Bürgertum des 19. Jahrhunderts ging ins Museum, um etwas zu erfahren. Etwas, das ist das Bild, der Gegenstand der Betrachtung, der ein Sujet, die Auseinandersetzung mit den Dingen der uns umgebenden Welt vorstellt, vor das der Betrachter sich selbst stellt. Wozu als ist ein Bild da? Um gesehen zu werden. Das Bürgertum des 19. Jahrhunderts ging ins Museum, um eine Antwort auf die Frage zu finden: Was ist zu sehen?

Mit der Erfindung der Psychoanalyse, mit der Sigmund Freud 1900 in seinen „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“, die ohne die bürgerliche Gesellschaft nicht gedacht werden mochten, das 20. Jahrhundert einleitete, veränderte sich auch die Frage, auf die eine Antwort zu finden in Museum führt: Was sehe ich? Wir gehen heute nicht mehr ins Museum, um etwas zu erfahren, sondern um uns zu erfahren. Von dieser Wende spricht in der Pädagogik die Diskussion um ästhetische Bildung, die spätestens Anfang der 1990er Jahre den Diskurs um Identitätsbildung und Erziehung und Emanzipation ablöst.

Diese Transformation der bürgerlichen Gesellschaft von außen nach innen, die einer inneren Logik der Ökonomie folgt (im Sinne einer Individualisierung von Leistung und dem auf Bildungsanstrengungen zurückzuführenden Erfolg), formt den Körper, die Psyche und die Wahrnehmungsweisen (in) der Welt um, so als würde ein äußeres Gerüst aus Werten und Normen zu einem zweiten Skelett; und die Auseinandersetzung damit bringt die Selbstreflexion des modernen Menschen hervor.

Ein Kunstmuseum ist ein Ort der Moderne. Es eröffnet Räume, in denen Betrachterin und Betrachter, umhergehend oder verweilend, mit ihren Körpern eine Position im Raum einnehmen. Dort, wo Bilder, Gemälde und Grafiken den Museumsraum dominieren, dominiert das Auge, der Seh-Sinn die Öffnung von Räumen auf zweidimensionalem Grund. Seit Erfindung der Zentralperspektive eröffnen Bilder virtuelle Räume einer sich mehr und mehr entstofflichenden Welt. Das Bild ist nicht länger eine Verdoppelung dessen, was wir mit eigenen Augen in der Welt der Gegenstände sehen. Im Bild sehen wir vor uns mit eigenen Augen eine neue Welt. Weiter: Angesichts des Bildes erfahren wir den verborgenen Raum in uns selbst, den mit unseren Schritten auszumessen wir nicht in der Lage sind.

Wenn das Kunstmuseum Bochum nun „ Träume“ zeigt, die Bühnenbilder Peter Pabsts zum Tanztheater Pina Bauschs, dann gelingt sinnenfällig und ungekannt die Antwort auf die Frage: Wozu ins Museum gehen? Was da an Kunst-Räumen, an natürlichen Elementen, Wasser, Erde, Gras, Baum, Nebel von der Bühne in andere Medium übersetzt wird, gibt dem Museum Stoff und Raum und Tiefe zurück – so viel Überschuss. Indem ich im Raum mich verorte, öffnet sich eine neue Erfahrung: Ich erfahre mich – nicht dadurch, dass ich mir die Kunst einverleibe, sondern umgekehrt gerade dadurch, dass der Raum mich umfasst, mit jedem Gegenstand, mit seinem Licht, mit seinen Tönen. Der nach außen begrenzte Museumsraum, Boden, Wände, Decke, eröffnet als Abbild einen entgrenzten Raum in mir. Der eigene Körper mit seinen Sinnen wird dafür zum Brennglas. Eine doppelte Überschreitung, von der Bühne in den Raum des Museums, in den Innenraum meiner Person, der fortan von einem besonderen Gefühl, einer besonderen Empfindung, einer besonderen Gestimmtheit bewohnt wird, in der Wahrnehmung (aisthesis) und Einsicht (Intellekt) zusammenfallen.

Wir gehen ins Museum, um in seinen Räumen unseren Körper und uns selbst neu zu erfahren. Wir gehen ins Museum, weil wir dort mehr spüren, als das einzige Gefühl, das unsere Fingerspitzen auf der Tastatur erzeugen. Wir gehen ins Museum, um eine Versinnbildlichung, Vorstellung, Imagination zu erfahren, deren Vorsteher und Herrscher mehr ist, als unser Sehnerv.

Und dann wird der Wohnort der Musen, dieser antiken Göttinnen, aus dem wir alles Göttliche vertrieben haben, um uns Menschen willen, ein ganz neuer Ort einer zweckfreien Aufmerksamkeit. Übersetzt ins Niederländische heißt das: aandacht.

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