Kein „Homo-Standesamt“
Beratungsstelle für Lesben und Schwule eröffnet Trauzimmer – erstmalig und einmalig in Deutschland widmet die Stadt Bochum am 20.02.2009 den „Raum der Geschichte(n)“ im Beratungszentrum der Rosa Strippe e.V. in der Bochumer Innenstadt zum Trauzimmer des Standesamtes
Emanzipation ist nach dem römischen Recht die Freigabe des Sklaven aus der Hand des Hausherrn. Emanzipation war, obschon ein Akt, der sich zunächst im Bereich des Privaten vollzog, gleichwohl ein Akt öffentlichen und damit politischen Handelns, der die Gesellschaft als Ganze betraf. Aus der Freilassung wurde die Befreiung aus einem Zustand der Abhängigkeit, wurde gesellschaftliche und rechtliche Gleichstellung.
Die Geschichte von Lesben und Schwulen ist eine Geschichte der Emanzipation, die spätestens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnt – zu der Zeit, als sich die bürgerliche Familie mit den ihr innewohnenden und sie konstituierenden Normen und Vorstellungen von Liebe, Ehe und Geschlechtsrollen festigt, zu der Zeit, als „Homosexualität“ als Begriff, als „gelehrte Neubildung“ entsteht…
2001 also verabschiedete der Souverän dieses Landes, verabschiedeten die vom Volk gewählten Abgeordneten des Deutschen Bundestages ein Gesetz, das es lesbischen und schwulen Paaren seither ermöglicht, Verwandtschaftsbeziehungen zu schließen: ein Gesetz zur Beendigung der Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Gemeinschaften – und ein Schritt lesbischer und schwuler Emanzipation.
„Dass ältere Jahrgänge mit dem Thema große Schwierigkeiten haben, kann ich verstehen; ich kenne das auch aus meiner eigenen engeren Familie. Es ist für alte Menschen weiß Gott eine große Herausforderung. Welch einen Wandel haben diese Menschen in ihrem Leben bezüglich dieses Themas erlebt! Als sie jung waren, war es eine tödliche Bedrohung; es führte ins KZ. Als sie älter wurden, war es – sowohl in der Bundesrepublik Deutschland als auch in der DDR – über lange Zeit hochgradig strafbar und mit lebenslanger gesellschaftlicher Ächtung verbunden. Noch bis vor kurzem bestanden Unterschiede bei der Strafbarkeit hetero- und homosexueller Übergriffe, die erst in jüngster Zeit eingeebnet wurden. Und jetzt soll die Lebenspartnerschaft anerkannt werden?“ – so Margot von Renesse (SPD) in der Parlamentsdebatte am 7. Juli 2000 und weiter: „Eine Gleichbehandlung bzw. Normalisierung ist angesagt.“
Neun Jahre später ist eine Gleichbehandlung von lesbischen und schwulen Paaren noch immer nicht erreicht – eine „eingetragene Partnerschaft“ ermöglicht nicht dieselbe Teilhabe an Rechten, wie eine „Ehe“ für heterosexuelle Paare. Lesben und Schwule können, wenn sie es wollen, diese „eingetragene Partnerschaft“ eingehen – und haben damit 2009 mehr Bürger/innenrechte, als 1969. Ob sich für Lesben und Schwule unter den Voraussetzungen der bürgerlichen Familie die an ihre Partnerschaften gestellten Glücksversprechen einlösen werden? Ob für Lesben und Schwule ebenso wie für heterosexuelle Paare gilt, wie es im Musical „Cabaret“ klingt: „Aus dem Erdgeschoss / Wird ein Märchenschloss / Durch ein winziges Wort “Heirat”. / Und das grau im grau / Wird auf einmal blau, / Wie noch kein blau jemals war…“?
Wenn jetzt also die Stadt Bochum ein Trauzimmer in einem Beratungszentrum für Lesben und Schwule widmet, dann ist das ein Schritt mehr hin zu rechtlicher und gesellschaftlicher Gleichstellung und ein Schritt hin zu mehr Emanzipation: Haben sich 2001 zumindest in Nordrhein-Westfalen –nicht so in Baden-Württemberg oder Bayern- die Standesämter, die bisher heterosexuellen Paaren vorbehalten waren, für lesbische und schwule Paare geöffnet, die das Rechtsinstitut der „eingetragenen Partnerschaft“ eingehen wollen, so ermöglicht nun die Stadt Bochum, als sozialer Raum ihrer Bürgerinnen und Bürger, Eheschließungen und Lebenspartnerschaftsbegründungen an einem Ort -und zwar unabhängig von sexueller Orientierung- in einer Einrichtung, die bisher Ratsuchenden Lesben und Schwulen und deren Angehörigen vorbehalten war.
Wie immer die Geschichte der bürgerlichen Familie und die Geschichte homo- und heterosexueller Orientierungen, die seit vielleicht 250 Jahren geschrieben wird, in den nächsten 250 Jahren weitergeschrieben wird, wie auch immer jede und jeder persönlich bürgerliche Ehe oder eingetragene Lebenspartnerschaften beurteilt- mehr Akzeptanz, mehr Toleranz, mehr Emanzipation entsteht durch die Öffnung neuer Räume.