Können Lesben und Schwule geheilt werden? Diese Frage geht von falschen Voraussetzungen aus, denn der Diskurs um Homo- und Heterosexualität hat sich nach Ende der Aufklärung sowohl von religiösen, als auch nach den Erfolgen der Bürgerrechtsbewegungen von medizinischen Rahmenbedingungen gelöst. Dennoch treten auch heute noch religiös motivierte Organisationen auf, die eine vermeintliche “Heilung” von Homosexualität propagieren. Dass es sich hier um Ideologie, falsches Bewusstsein handelt, lässt sich fachlich sowohl soziologisch, als auch kulturanthropologisch begründen.
An dieser Stelle dokumentieren wir einen Brief des Verbandes lesbischer und schwuler Psychologinnen und Psychologen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde und Freundinnen,
mit großem Interesse reagieren wir vom VLSP e.V. (Verein Lesbischer Psychologinnen und Schwuler Psychologen e.V.) auf die verschiedenen Aktionen von engagierten Lesben und Schwulen zu „Umpolungstherapien“. So hat vor kurzem Volker Beck von den GRÜNEN das Thema „Ex- Gay-bewegung“ und „Homo-Heilern“ politisch sichtbar gemacht. Bündnis 90/ DIE GRÜNEN haben auch eine entsprechende kleine Anfrage an die Bundesregierung gerichtet. In einigen Städten machen Lesben und Schwule Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Umpolungstherapien. Wir vom VLSP e.V. möchten uns gerne mit Euch vernetzen, um die Arbeit gegen solche Therapieversuche, die sich gegen uns alle richten, voranzubringen. Entsprechend haben wir bereits mit dem Ansprechpartner des LSVD für Sekten und Psychogruppen, die Kooperation aufgenommen.
Mit Sorge beobachten wir die Aktivitäten von religiös fundierten Organisationen wie „Wüstenstrom“ und „Living waters“, sowie von selbsternannten „TherapeutInnen“ oder staatlich geprüften HeilpraktikerInnen für Psychotherapie, PsychotherapeutInnen und
ÄrztInnen, Lesben, Schwulen und Bisexuellen ihre soziosexuelle Orientierung auszutreiben. Wir fragen uns auch, wie es Wüstenstrom gelingen konnte, den Status einer gemeinnützigen Organisation zu erlangen. Wir waren deshalb sehr erfreut darüber, dass Ihr Euch in einer Presseerklärung vom 8.2. 2008 wegen des Schadens, den „Wüstenstrom“ bei ratsuchenden Lesben und Schwulen anrichten kann, für eine Überprüfung der Förderungswürdigkeit von Wüstenstrom ausgesprochen habt.
Der VLSP hat neben vielen anderen Organisationen gegen die Teilnahme von Wüstenstrom an dem Fachkongress „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ in Graz protestiert. Wüstenstrom ist auch in Deutschland offensichtlich sehr bestrebt ist, sich an Großveranstaltungen anzuhängen, um für die Ziele der Organisation zu werben.
Umpolungstherapien verstoßen gegen anerkannte ethische Leitlinien in Medizin und Psychotherapie und ihre negativen Folgen sind hinreichend dokumentiert.
Wir fänden eine gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit lesbischer, schwuler und bisexueller Verbände zu den Gefahren von Umpolungstherapien und
zu der fachlich fundierten Alternative gay-affirmativer Therapien sinnvoll, gerade weil auch innerhalb des Gesundheitswesens in Deutschland bei ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen homophobe Einstellungen noch erschreckend weit verbreitet sind.
Wir würden uns sehr freuen, wenn Ihr uns über Eure Aktionen Umpolungs-„therapien“ in Kenntnis setzen könnten. Auch sind wir sehr gerne bereit, Euch mit unserem Fachwissen hier zur Seite zu stehen.
Durch unseren Verband verfügen wir über ein Netz an TherapeutInnen, die affirmativ mit lesbischen, schwulen und bisexuellen KlientInnen arbeiten und ihnen wertschätzend gegenübertreten. Wir führen auch eine entsprechende Verweiskartei. Es ist uns ein großes Anliegen, „Wüstenstrom“, „Living waters“ und anderen Konversionsorganisationen
deutlich sichtbar entgegenzutreten, damit lesbische, bisexuelle und schwule KlientInnen und deren Angehörige nicht durch dubiose Pseudo-„Therapien“ geschädigt werden, sondern im bundesdeutschen Gesundheitswesen auf informierte und fachkompetente
Unterstützungsangebote treffen.
Mit freundlichen Grüßen
Margret Reipen, Ulrich Biechele, Jochen Kramer, Lisa Herrmann-Green, Gisela Wolf
(VLSP-Vorstand)
Aktuelle psychologische Literatur:
Wagner, C. & Rossel, E. (2006). Konversionstherapie bei
Homosexuellen. Verhaltenstherapie & psychosoziale Praxis, 38 (3), 603-612.
Wolf, G. (2008): Konversionstherapien. (www.lesbengesundheit.de)
