24th Aug2008

Kein katholischer Segen für Homosexuelle

by admin

Wetzlarer Bezirksdekan nach Segenshandlung abberufen

Am 20.08.2008 meldet die Presseabteilung des katholischen Bistums Limburg: „Kein Segen für homosexuelle Lebensgemeinschaften“. Dem vorausgegangen war eine Segnungshandlung „eines“ Wetzlarer Bezirksdekans, der in der Meldung des Bistums ungenannt bleibt.

Ein Segen, lehrt uns das Wörterbuch, leitet sich ab vom Lateinischen signare. Das meint bezeichnen. Ein katholischer Priester, der zwei schwule Männer, die ihre Zusammengehärigkeit als Paar öffentlich aussprechen, segnet, setzt ein Zeichen. Und ein Zeichen, das öffentlich wird, das ist im besten Sinne politisch. Das hatte „Konsequenzen“ – wie eben jedwede Bezeichnung nicht folgenlos bleiben kann.

Mit der Erfindung der bürgerlichen Ehe und der Norm zur Heterosexualität vor mehr als 250 Jahren wurden diejenigen, die dieser gesellschaftlichen Norm nicht entsprachen und ihre Liebes-, Lebens- und Sexualpartner beim gleichen Geschlecht suchten und fanden, als homosexuell bezeichnet – und leiden unter dieser Bezeichnung bisweilen bis zum heutigen Tag. Wer Homosexuelle bezeichnet, kommt nicht umhin, bald zu erklären, wie er es mit der Homophobie hält. Und darin treffen sich bürgerliche Ehe und katholische Kirche aufs Vortrefflichste. Wer in der Tradition der Moderne lebt, unterscheidet Norm und Abweichung, Vernunft und Irrsinn ebenso, wie Hetero- und Homosexualität. Im Grimmschen Wörterbuch findet der Leser unter katholisch folgendes: „in Baiern, Österreich auch für recht, geheuer, da gehts nicht katholisch zu, nicht mit rechten dingen“.

Der Limburger Bischof hat nun in seinem Bistum die Dinge wieder an ihren rechten Platz gerückt. Da mag manch einer neidisch ins protestantische Dänemark blicken, in dem schon zu Grimm’schen Zeiten „catholsk i hovedet“ im Volksmund die Bedeutung „verwirrt von dingen“ hatte. Wer katholisch denkt, denkt eben nicht „alle betreffend“ – Männer, die Männer lieben, können in einer Kirche der Männer keinen Segen bekommen. Da mag die Pressemitteilung des Bistums auch schreiben, die Kirche sehe sich verpflichtet, für homosexuelle Menschen angemessene Formen der Seelsorge zu suchen. In der Praxis endete diese Suche am vergangenen Mittwoch mit Abgrenzung, Abberufung und Ausschluss.

Wenn die katholische Kirche auf Homosexuelle zu Sprechen kommt, dann argumentiert sie hier vom „Plan Gottes“ – und heftet dem homosexuellen Menschen abermals das Zeichen des Stigmas an. Können wir uns ernsthaft eine katholische Kirche vorstellen, die eine Menschwerdung Gottes in Jesus und dessen erbarmungswürdigen, leidvollen und Gewaltherrschaft vollziehenden Tod anders verstehen könnte, als die Durchsetzung von Normen, die konkreten Menschen in ihrem Glaubensbedürfnis anderes antut, als das Leid abermals zu wiederholen?

Wer als schwuler Mann in und mit der katholischen Kirche lebt, der weiß nur allzu gut, dass diese Kirche eben kein Fundament für seine Lebensweise ist. Homophobie, die Angst vor Homosexualität und schwulen Männern drängt sich sodann als Plan Gottes auf. Allerdings: Wie schwach ist dieser Gott, dessen Plan durch einen Mann, der einen Mann liebt oder mit diesem möglicherweise ausschweifenden Sex hat, so sehr durcheinander gebracht wird, dass ihn der Bann in dieser Härte, in der Exkommunikation treffen muss?

Ein anderer Aspekt bleibt in der Diskussion, die in den Medien seit der Wetzlarer Segenshandlung geführt wird, unberücksichtigt: Wer als homosexuelles Paar in eine katholische Kirche geht, um eine Segenshandlung zu provozieren, der darf sich nicht wundern, wenn genau diese Kirche nicht anders kann, als die homophobe Ausgrenzung erneut medienwirksam zu inszenieren. Wir wünschen uns Menschen, denen es gelingen möge, genau dieser Reinszenierung und der Folgen am eigenen Leibe nicht länger zu bedürfen, um sich lebendig und wertgeschätzt zu fühlen.

Was bleibt nach der Pressmitteilung des promovierten Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst? Namenloses Unverständnis und ein Segen, der nur das Stigma wiederholt. Doch wann hat uns die katholische Kirche in ihrer ängstlichen, bürgerlichen Verfasstheit der Moderne das letzte Mal tatsächlich überraschen können?

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12th Aug2008

Konversionstherapien negieren Menschenrechte

by admin

Können Lesben und Schwule geheilt werden? Diese Frage geht von falschen Voraussetzungen aus, denn der Diskurs um Homo- und Heterosexualität hat sich nach Ende der Aufklärung sowohl von religiösen, als auch nach den Erfolgen der Bürgerrechtsbewegungen von medizinischen Rahmenbedingungen gelöst. Dennoch treten auch heute noch religiös motivierte Organisationen auf, die eine vermeintliche “Heilung” von Homosexualität propagieren. Dass es sich hier um Ideologie, falsches Bewusstsein handelt, lässt sich fachlich sowohl soziologisch, als auch kulturanthropologisch begründen.

An dieser Stelle dokumentieren wir einen Brief des Verbandes lesbischer und schwuler Psychologinnen und Psychologen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde und Freundinnen,

mit großem Interesse reagieren wir vom VLSP e.V. (Verein Lesbischer Psychologinnen und Schwuler Psychologen e.V.) auf die verschiedenen Aktionen von engagierten Lesben und Schwulen zu „Umpolungstherapien“. So hat vor kurzem Volker Beck von den GRÜNEN das Thema „Ex- Gay-bewegung“ und „Homo-Heilern“ politisch sichtbar gemacht. Bündnis 90/ DIE GRÜNEN haben auch eine entsprechende kleine Anfrage an die Bundesregierung gerichtet. In einigen Städten machen Lesben und Schwule Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Umpolungstherapien. Wir vom VLSP e.V. möchten uns gerne mit Euch vernetzen, um die Arbeit gegen solche Therapieversuche, die sich gegen uns alle richten, voranzubringen. Entsprechend haben wir bereits mit dem Ansprechpartner des LSVD für Sekten und Psychogruppen, die Kooperation aufgenommen.

Mit Sorge beobachten wir die Aktivitäten von religiös fundierten Organisationen wie „Wüstenstrom“ und „Living waters“,  sowie von selbsternannten „TherapeutInnen“ oder staatlich geprüften HeilpraktikerInnen für Psychotherapie, PsychotherapeutInnen und
ÄrztInnen, Lesben, Schwulen und Bisexuellen ihre soziosexuelle Orientierung auszutreiben. Wir fragen uns auch, wie es Wüstenstrom gelingen konnte, den Status einer gemeinnützigen Organisation zu erlangen. Wir waren deshalb sehr erfreut darüber, dass Ihr Euch in einer Presseerklärung vom 8.2. 2008 wegen des Schadens, den „Wüstenstrom“ bei ratsuchenden Lesben und Schwulen anrichten kann, für eine Überprüfung der Förderungswürdigkeit von Wüstenstrom ausgesprochen habt.

Der VLSP hat neben vielen anderen Organisationen gegen die Teilnahme von Wüstenstrom an dem Fachkongress „Religiosität in  Psychiatrie und Psychotherapie“ in Graz protestiert. Wüstenstrom ist auch in Deutschland offensichtlich sehr bestrebt ist, sich an Großveranstaltungen anzuhängen, um für die Ziele der Organisation zu werben.
Umpolungstherapien verstoßen gegen anerkannte ethische Leitlinien in Medizin und Psychotherapie und ihre negativen Folgen sind hinreichend dokumentiert.

Wir fänden eine gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit lesbischer, schwuler und bisexueller Verbände zu den Gefahren von Umpolungstherapien und
zu der fachlich fundierten Alternative gay-affirmativer Therapien sinnvoll, gerade weil auch innerhalb des Gesundheitswesens in Deutschland bei ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen homophobe Einstellungen noch erschreckend weit  verbreitet sind.

Wir würden uns sehr freuen, wenn Ihr uns über Eure Aktionen Umpolungs-„therapien“ in Kenntnis setzen könnten. Auch sind wir sehr gerne bereit, Euch mit unserem Fachwissen hier zur Seite zu stehen.

Durch unseren Verband verfügen wir über ein Netz an TherapeutInnen, die affirmativ mit lesbischen, schwulen und bisexuellen KlientInnen arbeiten und ihnen wertschätzend gegenübertreten. Wir führen auch eine entsprechende Verweiskartei. Es ist uns ein großes Anliegen, „Wüstenstrom“, „Living waters“ und anderen Konversionsorganisationen
deutlich sichtbar entgegenzutreten, damit lesbische, bisexuelle und schwule KlientInnen und deren Angehörige nicht durch dubiose Pseudo-„Therapien“ geschädigt werden, sondern im bundesdeutschen Gesundheitswesen auf informierte und fachkompetente
Unterstützungsangebote treffen.

Mit freundlichen Grüßen

Margret Reipen, Ulrich Biechele, Jochen Kramer, Lisa Herrmann-Green, Gisela Wolf
(VLSP-Vorstand)

Aktuelle psychologische Literatur:

Wagner, C. & Rossel, E. (2006). Konversionstherapie bei
Homosexuellen. Verhaltenstherapie & psychosoziale Praxis, 38 (3), 603-612.

Wolf, G. (2008): Konversionstherapien. (www.lesbengesundheit.de)

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