Jeder hat sein eigenes Paris. Doch: Halt! Habe ich das so gesagt? Ist es nicht eher anders: dass Paris einen hat?
Mein Paris hat mich, ein kleines Mosaik, aus kleinen Steinen, denn ich bin nur der Fremde, Besucher, dem die Stadt eben nicht das Zuhause ist.
Und dann stehe ich vor dem alten Jugendstilhaus im 11. Arondissement. Und Paris ist eine Zeitmaschine, die mich zurückbringt in das Jahr 1980. Hier haben Supertramp live gesungen, zum zweiten Mal, das erste Mal im Bataclan, auf dem Boulevard Voltaire.
Paris lernen wir von anderen. Sie zeigen uns ihre Stadt und wir treten in ihre Fußstapfen. Und irgendwann gelingt es uns, einen Platz zu finden in dieser Stadt, von dem wir vorher noch nichts gehört, noch nichts gesehen, noch nichts gelesen haben. Kein Freund war schon einmal dort, kein Film spielt dort, kein Romanheld geht dort entlang.
18 kleine Liebesaffären mit Paris also: „Paris, je t’aime“. 18 Regisseurinnen und Regisseure erzählen es uns, und daraus wird ein Film.
Ganz zum Schluss geht Margo Martindale als nicht mehr junge, übergewichtige, amerikanische Touristin in einem kleinen Film von Alexander Payne, der auch „About Schmidt“ mit Jack Nicholson gemacht hat, durch das 14. Arrondissement. Sie sitzt, scheinbar verloren, im Parc Montsouris, ist ganz Zuschauerin des Lebens um sie herum, allein und ohne Partner in der Stadt der Liebe. Und sie erzählt, von einem Gefühl, das sie lange nicht mehr gekannt hat: „Und ich begann, Paris zu lieben, und die Stadt begann, mich zu lieben…“ Und da öffnet dieser kleine, unscheinbare Film mit seiner kleinen, unscheinbaren Hauptdarstellerin eine Tiefe, die einen mit offenem Mund staunend zurücklässt.
Und im Marais lässt Gus van Sant einen schönen jungen, schwulen Mann, gespielt von Gaspard Ulliel, eine Druckerei betreten. Er trifft auf den schweigsamen Angestellten und: Ist es Liebe auf den ersten Blick? Gaspard redet sich um Kopf und Kragen. Elie sitzt da, schaut ihn an, schweigt. Gaspard ist nervös, „haben wir uns nicht schon einmal gesehen?“, fragt er, „und glaubst Du an Seelenverwandtschaft?“. Elie bleibt stumm. Gaspard schreibt noch schnell seine Telefonnummer auf, trinkt hastig den Wein aus. Schnitt. Und nun rennt Elie, auch er ein Amerikaner in Paris, der eben kein Französisch spricht und nichts verstand, durch die Straßen des Marais – des jüdischen –und schwulen- Zentrums von Paris.
Bleiben noch zwei kleine Filme hervorzuheben – mit wunderbaren Schauspielerinnen und mit einer wunderbaren cineastischen Idee.
Im Quartier Latin tritt die großartige Gena Rowlands in einem von ihr selbst geschriebenen kleinen Kammerspiel auf, bei dem Gerard Depardieu Regie führt –und sich gleich auch selbst spielt. Ein wunderbar sarkastischer Dialog. Die Geschichte einer bittersüßen Liebe, voll Humor und Nostalgie. Das alte Paar will sich nun doch scheiden lassen, und es erinnert sich. Wieder Amerikaner in Paris, in einem bourgeoisen Café, draußen ist es Nacht und es regnet. Die beiden bleiben die Liebenden, die sich verstecken sich hinter Vorwürfen und Worten, die verletzen. Wie ist es wohl, wenn etwas zu Ende geht? Der Tag, die Liebe, das Leben…
Und dann noch, der 66jährige Nick Nolte in einem Film des Mexikaners Alfonso Cuarón, der „Harry Potter and the Prisoner of Azkaban“ drehte. Der kleine Film, eine einzige Plansequenz, kein Schnitt unterbricht den Lauf der Geschichte, die uns auf eine reizend falsche Fährte führt: Ein älterer Amerikaner und eine deutlich jüngere Frau gehen den Boulevard de Courcelles entlang. Sie führen eine hitzige Diskussion über eine komplizierte Beziehung. Doch worum geht es hier genau? Sehen wir das, was wir hören? Hören wir das, was wir sehen? Ein wunderbares Lehrstück darüber, wie wir die Welt um uns herum missverstehen können.
Am Ende werden wir 18 Geschichten von Paris gesehen haben – und dann? Fangen wir selbst an zu erzählen: Von der Metrostation Barbes-Rochechouart, wo die Linien 2 und 4 als Hochbahnen die Stadt durchziehen, geht der Blick nach unten: grell leuchtende Schaufenster, billige Importware, Brautkleider mit Polyesterspitze, und es riecht nach…
(Dieser Artikel wurde im März 2007 als Beitrag für Radio freiRAUM. gesendet.)
Mehr über den Film:
www.parisjetaime-film.de


