Marion Cotillard spielt die Piaf, in einem Film, der bei uns in Deutschland „La vie en rose“ heißt.
Im Februar 1960 veröffentlicht Music Hall einen Fragebogen, in dem die Piaf, drei Jahre vor ihrem Tod Auskunft gibt über sich. „Wenn Sie nicht mehr singen könnten, was täten sie dann? – „Ich könnte nicht mehr leben.“, heißt es dort. Und: „Wie wählen Sie ihre Chansons aus?“ – „Entweder, sie gehen mir ‚unter die Haut’ oder ich lasse es…“
Unter die Haut. Das ganze Leben geht der Piaf unter die Haut. Das schönste in ihrem Leben als Frau war der erste Kuss. Doch der kommt nicht wieder. Einmal nur gibt es ihn. Sie aß gern Rindsbraten, verrät sie gegen Ende des Interviews –wer hätte das gedacht?-, doch am Schluss bleibt „Lieben!“ die Devise. „Ich bereue nichts“ – auch das sagt die Liebe.
Olivier Dahan hat nun einen Film gemacht, der im Original „La Mome“, „der Fratz“ heißt. Eine kleine Frau mit gewaltiger Stimme, bleibt ein Kind. Im November 1915 in Frankreich, dem Mutterland des Chansons geboren, spiegelt sich in ihr ein tragisches Leben wider. Das Kind hieß Edith Giovanna Gassion, eine kleine Pariserin, die im Bordell der Großmutter in der Normandie aufwuchs. Später sagt Andrée Bigard, die zehn Jahre mit ihr zusammengelebt hat, über sie: „Die mittlere Verweildauer ihrer blauäugigen Liebhaber betrug zwei Jahre.“ Wir dürfen nicht annehmen, dass die Piaf das zwangsläufig tat.
Der Vater Alkoholiker, als Kind blind, mit 20 die erste Platte, der Förderer wird ermordet, eine Rolle bei Jean Cocteau, Verbindungen zur Resistance während der deutschen Besatzung, Mutter werden mit 18, die große Liebe stirbt 1949, zwei mal verheiratet sein, der zweite Mann war 20 Jahre jünger, an Krebs sterben. Vorstellen kann man sich das nicht.
Statt dessen hören wir ihre Lieder. Sie singt von Liebe, und Liebhabern, von „lebe wohl“, vom Blau, von Verletzungen, vom Herz, vom Schrei, dem Himmel, der Zärtlichkeit und dem Schmerz, von Verzweiflung, Schicksal, Hölle, von Verlorenheit, dem Schluss, von Jungen und Männern, von Schande und Glück, von Trunkenheit und Tränen, vom Licht und vom Sterben; vieles ist wunderbar, auch die Matrosen, sehr vieles ist schwarz und verloren.
„La Vie en Rose“ war der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale. Einen Preis gewonnen hat er nicht. Die Süddeutsche Zeitung schrieb zur Filmpremiere: „Überzeugen kann Dahans tränenbenetztes, auf seelenvolle Püppchen-Augen kapriziertes Biopic nicht.“
Edith hat die Männer besungen, die sie leiden ließen. Vielleicht gehen wir deswegen ins Kino, ausnahmsweise einmal nicht, um zu sehen, sondern zu hören. Und dann hören wir das, was wir selbst am besten kennen. Schwule Männer kennen sich aus mit dem, wovon die Piaf singt. Ihre Lieder gehören zum Standardrepertoire schwuler Männerchöre, neben denen von Marlene Dietrich und ausgerechnet Zarah Leander. „Wunde Weiblichkeit“ nennt das das schwule Online-Magazin „braveboy“. Jo van Nelsen, Schauspieler, Chansonsänger und Regisseur dagegen macht einen neuen Trend aus: „(…)All die Chanteusen der ungelebten Sehnsüchte verstauben in den Regalen. Weil wir keine Sehnsüchte mehr haben, weil die „community“ alles erreicht hat, inklusive Hochzeit ‚ganz in weiss’“.
Wer vor 15 Jahren sein Coming-out in den Verhältnissen der real existierenden Bundesrepublik hatte, der wusste genau, dass nichts gleich und gerade war und dass schwule Liebe erkämpft werden wollte. Die Tragik war das erstickte Leben in den eigenen Familien. Die Bedrohung war der seit der Nazi-Zeit unverändert geltende §175.
Und mit der Piaf, was hat das alles mit ihr zu tun? 2007 können wir einen Film sehen, den das Berlinale Publikum mit stehenden Ovationen bedacht hat. Edith Piaf ist wohl ein Kassenschlager, abermals. Wir werden für 140 Minuten in eine Traumwelt eintauchen, die uns rühren wird. Doch wirklich rührend können wir uns die Piaf eigentlich nicht vorstellen.
(Dieser Artikel wurde als Beitrag für Radio freiRAUM. gesendet.)
Mehr über den Film:
www.piaf.film.de

