Über den Umgang der Psychiatrie mit dem Thema Homosexualität

Dass Gesellschaften Männer, die Männer lieben nur schwer akzeptieren, ist nicht unbekannt. Vor der Aufklärung in Europa, vor mehr als 200 Jahren also, bestimmten vor allem die Werte und Normen der katholischen Kirche, wer akzeptiert wurde und wer verfolgt und bestraft wurde. Die Liebe zwischen Männern wurde als „Sodomie“ verurteilt und war Sünde. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Wort Homosexualität überhaupt erfunden. Und Mediziner interessierten sich dafür, wie es kommt, dass Männer Männer lieben.

 

Siegmund Freud allerdings, der Begründer der Psychoanalyse weigerte sich noch 1900 nach den Ursachen von Homosexualität zu forschen, so lange nicht auch nach den Ursachen von Heterosexualität geforscht würde.

Dass schwule Männer und lesbische Frauen keine Frage der Natur, sondern eine Frage der Gesellschaft sind, zeigt der unterschiedliche Umgang mit dem Thema Homosexualität in unterschiedlichen Ländern der Welt und Europas. So wurde in Dänemark bereits 1913 das Strafrecht geändert und die Verfolgung schwuler Männer beendet. Dänemark war auch das erste europäische Land, in dem Lesben und Schwule eine Partnerschaft vor dem Standesamt eingehen konnten – im Jahr 1989.

Wissenschaftlich wurde Homosexualität also zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich bewertet – je nachdem, welches Interesse einzelne Wissenschaftler vertraten. Die Weltgesundheitsorganisation hat jedoch 1992 nach dem neuesten Stand der Forschung entschieden, dass Homosexualität eben keine psychische Störung sein kann. Die Bundesärztekammer folgte dem 1998.

Nun liegt eine Publikation des Heidelberger Psychiaters Michael Schröter-Kunhardt vor, der längst vergangene Auffassungen vehement vertritt. Seine These: Homosexualität ist eine Störung, bzw. eine Neurose. Dass die Weltgesundheitsorganisation und die Mehrheit der Wissenschaftlerinnen dies anders sieht, hält er –Zitat- „für eine unwissenschaftliche Eliminierung“.

Bekannt wurde Schröter-Kunhardt 1993 durch einen Artikel in „Psychologie heute“ zum Thema Nahtoderfahrungen. Sein Titel damals: „Das Jenseits in uns“. Auch damals schon wird deutlich, dass der Psychiater vor allem vor seinem fundamental-christlichen Wertesystem argumentiert. Auch für seine Ansichten zum Thema Homosexualität zitiert er in der Hauptsache Publikationen des „Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft“ – getragen von der „Offensive Junger Christen“, einer evangelikalen Kommunität. Evangelikal heißt: Biblische Texte gelten als irrtumsfrei und als Anleitung zum Handeln, unabhängig von der Gesellschaft und der Zeit, in der sie geschrieben wurden. Evangelikale machen also einen Schritt zurück vor die Aufklärung in Europa. Oft werden sie „christliche Fundamentalisten“ genannt, wie im letzten Jahr in „Der Welt“ zu lesen war.

Dr. Heiliger, Pressesprecher der Ärztekammer Westfalen-Lippe betont im Gespräch denn auch, dass Ärztinnen und Ärzte nach den geltenden Vorgaben des ICD-10 arbeiten müssen – mit einer Ausnahme allerdings. Psychiater wie Michael Schröter-Kunhardt können vor der Behandlung von ihren Patientinnen und Patienten die Erlaubnis einholen, dass sie von geltenden Standards abweichen und Behandlungen durchführen, die nicht der Schulmeinung entsprechen. Dann hat der einzelne Patient die Wahl, ob er eine Behandlung fortsetzen möchte. Wird er durch den Arzt nicht aufgeklärt, ist das aus berufsrechtlicher Sicht ein Fehlverhalten, dass im Sinne eines Behandlungsfehlers vor eine Gutachterkommission gebracht werden kann.

Hier zeigt sich, wie wichtig Qualitätssicherung in Beratung und Therapie ist. So hat die Rosa Strippe e.V. in Bochum eine Fortbildung für Ärztinnen und Ärzte angeboten, die ihr Fachwissen für die Arbeit mit lesbischen und schwulen Patientinnen und Patienten erweitern wollten.

Mehr Aufklärung und Information tut not – vor allem darüber, welche Rechte Lesben und Schwule haben, wenn sich im Gesundheitswesen Hilfe holen wollen.

Religiös begründete Einstellungen, die Menschen mit anderer sexueller Orientierung diskriminieren und die unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit daherkommen, können Lesben und Schwule getrost hinter sich lassen – ändern werden sie sie vielleicht nicht.

Die Landesärztekammer Baden-Württemberg übrigens, in deren Zuständigkeit Dr. Schröter-Kunhardt arbeitet, war zu keiner inhaltlichen  Stellungnahme bereit.

(Dieser Artikel wurde als Beitrag für Radio freiRAUM. gesendet.)