“Süßigkeiten erfüllen keinen Zweck…”
Ach, möchte man sagen, der Traum des Kindes von Welten aus Zuckerguss und Schokolade, aus Marzipan und Himbeereis führt direkt in die Abgründe der bürgerlichen Familie. Und so erzählt der Film diese Geschichte zwischen Es und Über-Ich, und nicht ohne Witz tritt Sigmund Freud auf, als kleinwüchsiger “oompa-loompa”-Psychoanalytiker, was für eine Idee!
Eine wunderbare Inszenierung, es verschmelzen die Bilder der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts mit der zweidimensionalen Oberfläche der Animation des 21. Jahrhunderts; die Fabrik, in der aberwitzige Maschinen Schokolade herstellen, thront hoch oben über der Stadt, der Blick ist immer ein hierarchischer, von unten nach oben. Gleichförmig die Stadt, zugerichtet durch die Gesetze des Produzierens und Konsumierens. Die Ausnahme ist ein seltsam fremd anmutendes Märchenhaus, in dem Dach und Dielen, Wände und Betten morsch sind. Es ist das “ganze Haus”, in dem drei Generationen unter einem Dach (und die vier Großeltern Charlies in einem Bett) wohnen – ein moralisierendes Zitat der vor-bürgerlichen Gesellschaft. Tim Burton spielt mit uns, er bietet uns an: den bürgerlichen Beruf des Zahnarztes, der seinen Sohn mit martialischen Gerätschaften zurichtet – Willy Wonka ist dieser Sohn, dieses von Johnny Depp gespielte androgyne, asexuelle und trotzdem und erst recht von aggressiven Impulsen getriebene Wesen, das von zu Hause auszieht, schließlich Schokoladenfabrikant wird, und nun fünf Eintrittskarten für einen Besuch in der Fabrik (für fünf Kinder und fünf Begleiter) in seinen Tafeln versteckt.
Ein hysterischer Wettauf mit ihren deformierten Eltern beginnt: Jeder will sich diese Fabrik einverleiben und weiß noch nicht, dass er es am Ende sein wird, den die Fabrik einverleibt: Die Motive sind nicht: kindliches Spiel, ziellos und reinem Selbstzweck dienend. Die Motive der zugerichteten Kinder sind: Gier, Habsucht, Ehrgeiz und Hybris. Jeder will den für ein Kind versprochenen Zusatzpreis – und weiß noch nicht, dass er Erbe werden soll, den Willy Wonka, der schmerzhaft und bis zum Brechreiz an seine eigene Kindheit erinnert wird, nicht zeugen will.
Also erfahren wir auch etwas über die “tour d’emotion”, die Willy Wonka selbst auch geht, indem er Charlie eingeladen hat: das christliche Motiv der Erlösung durch das unschuldige Kind.
Der ganze Film ist voll von diesen aufgeladenen Motiven: Strafe und Läuterung, die Zurichtung des Körpers, Kritik am Kapitalismus und seinen Produktionsweisen, die moralische Aufladung der Familie, die Heimkehr des verlorenen Sohnes, das wiedergefundene Paradies, Kulturkritik, Medienschelte.
Doch: Das alles spielt in diesem Film keine Rolle. Der Zuschauer kann sich nicht sicher sein, ob sich nicht hinter all dem wieder eine Tür öffnet, die die Kritik karikiert und das Kritisierte ins Recht setzt oder umgekehrt? Was zählt, sind die Bilder, die dieser Film findet: Die Choreografie der Lastwagen, die die Schokolade aus der Fabrik bringen, ist gleich zu Beginn so ein visuelles und formales Detail, das mehr sagt, als jedes reflektierende Denken darüber. Die Miniaturwelten, die im Bauch der Fabrik entstehen und Gegenbilder produzieren, auch: brennende Puppen eines Karussels, rasende Eichhörnchen, sich aufblähende Körper – diese Bilder sind voller Macht und Gewalt, sie machen süchtig, und sie verführen uns.
Süßigkeiten erfüllen einen Zweck, Filme auch: Sie bestätigen die bürgerliche Ordnung, die sie zu kritisieren vorgeben – allein die ästhetische Erfahrung lässt uns etwas anderes ahnen: Dieser Film ist übervoll davon.
Mehr über den Film:
wwws.warnerbros.de/movies/chocolatefactory

